Spes Viva

Palliativnetzwerk will Sterben ohne Angst ermöglichen

Dorsten - Dr. Simone Sowa ist leitende Ärztin auf der palliativmedizinischen Station Spes Viva des St. Elisabeth-Krankenhauses. Sie erklärt, was die Aufgabe ihrer Station ist - und was nicht.

Viele Reaktionen erreichten uns zu dem Bericht, den wir über die unheilbar erkrankte Gabriele Niermann (60) veröffentlicht hatten. So schrieb beispielsweise eine Leserin: "Ich erfahre das Thema Tod als eines der großen Tabus unserer Zeit. Gut, dass Sie es so eindrucksvoll angepackt haben." Dr. Simone Sowa ist leitende Ärztin auf der palliativmedizinischen Station Spes Viva des St. Elisabeth-Krankenhauses, auf der Gabriele Niermann betreut wurde, bevor sie ins Hospiz nach Dülmen verlegt wurde.

Frau Dr. Sowa, alle Reaktionen unserer Leser drücken größte Bewunderung für diese starke Frau aus. Erleben Sie in Ihrem Arbeitsalltag viele Patienten, die quasi an Ihrer unheilbaren Krankheit wachsen?

Ja. Für Außenstehende ist diese starke Haltung oft unvorstellbar. Palliativpatienten wachsen insofern mit ihrer Krankheit, weil sie sich von Tag zu Tag damit arrangieren. Sie sagen: "Ach, heute geht es mir ganz gut. Oder: Nein, so kann ich es nicht ertragen." Das ist bei Unfalltrauma-Patienten, die zum Beispiel von jetzt auf gleich beide Beine verlieren, völlig anders. Aber natürlich haben auch starke Menschen schwache Momente. So erlebe ich häufig, dass Patienten, die nach einer langen stabilen Phase plötzlich eine Verschlechterung ihrer Situation erfahren, in ein tiefes Loch fallen. Es ist wichtig, dass wir ihnen in dieser schlimmen Situation neue Wege aufzeigen.

Welche Möglichkeiten kann die Palliativmedizin in diesen Fällen anbieten?

Wenn der Patient sagt: "So wie es jetzt ist, kann ich nicht mehr weiter leben", gibt es einige Wege, die man gemeinsam erarbeiten kann. Zentrales Thema ist der Schmerz. Wir können die Beschwerden zwar nicht völlig ausschalten, aber soweit lindern, dass die Leute gut klar kommen. Dann haben sie den Kopf frei, um ihren Tagen noch so viel Leben wie möglich abzuringen.

Wie sehen Perspektiven für Palliativpatienten aus?

Da fällt mir der Patient ein, der mir sagte: "Bei Ihnen bin ich falsch. Machen Sie mich fit für die Schweiz, damit ich dort meine Todesspritze abholen kann." Ich habe dann weitergefragt, wovor er denn Angst habe und dann kommen als Antworten: Vor dem Schmerz, vor dem Alleinsein, vor unwürdigem Dahinsiechen, davor, anderen zur Last zu fallen. Diese Ängste können wir den Patienten zum großen Teil nehmen. Sie müssen dank wirksamer Medikation keine unerträglichen Schmerzen, Übelkeit, Atemnot und andere belastenden Symptome durchleiden. Außerdem werden sie in unserem Palliativnetzwerk aufgefangen, in dem nicht nur Ärzte, sondern auch Physiotherapeuten, Psychoonkologen, der ambulante Hospizdienst und andere Partner eingebunden sind, um abseits der Krankenhaushektik mit dem Patienten ganzheitlich und individuell zu arbeiten.

Frau Niermann hat mir erzählt, dass sie sich auf der Spes-Viva-Station wie im Wellness-Hotel fühlte. Aber sterben wird sie im Hospiz in Dülmen.

Ja, wir sind keine Sterbestation, auch wenn das offensichtlich in manchen Köpfen herumschwirrt. Wir versuchen, die Patienten so zu stabilisieren, dass sie ihre verbleibenden Lebenstage nach ihren Wünschen gestalten können. Wer stirbt, der lebt noch. Deshalb helfen wir auch dabei, noch Ziele zu erreichen, die sie vor Augen haben. Da ist Erstaunliches möglich: Ich erinnere mich an eine junge Mutter, die mit Sauerstoffgerät im Rollstuhl an der Firmung ihres Sohnes teilnehmen konnte. Eine andere Patientin konnte erst in Ruhe sterben, nachdem sie am Hochzeitstag ihres Sohnes das getraute Paar an ihrem Krankenbett beglückwünscht hatte. Oder auch kleine Dinge: Noch einmal den Vollmond sehen. All diese Wünsche und Ziele versuchen wir nach Möglichkeit zu erfüllen.

Wie erleben Sie auf der Station den Umgang mit dem Tabu-Thema Tod?

Als Palliativstation sehen wir uns aufgefordert, Angehörige mitzunehmen. Häufig versucht der eine, den anderen zu schützen, nach dem Motto: "Sagen Sie es nicht, das verkraftet der oder die nicht." Diese gut gemeinte Verschwiegenheit kostet irre viel Kraft. Man läuft Gefahr, wesentliche Sachen zu verpassen, zum Beispiel das miteinander trauern und das miteinander reden und lachen. Ich finde es auch schade, wenn manche die Palliativbetreuung ablehnen und sagen: "Nein, soweit bin ich noch nicht." Es gibt Statistiken, die belegen, dass Patienten, die früh palliativ angebunden sind, auch etwas länger leben.

Ehe ich es vergesse: Frau Niermann bat mich bei meinem Besuch , alle von Spes Viva herzlich zu grüßen.

Danke. Als Ärztin darf ich über Patienten nichts sagen. Vielleicht nur so viel: Manchmal ist es mit der sogenannten professionellen Distanz nicht so einfach.

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