Den Humor haben sie nicht verloren: Wilhelm und Ursula Haddick haben ihr Schicksal angenommen und versuchen es zu meistern. Die unheilbare Nervenkrankheit ALS schreitet fort, die Eheleute aus Wulfen wissen nicht, wie viel gemeinsame Zeit ihnen noch bleibt. Aber den Lebensmut lassen sie nicht sinken.
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Den Humor haben sie nicht verloren: Wilhelm und Ursula Haddick haben ihr Schicksal angenommen und versuchen es zu meistern. Die unheilbare Nervenkrankheit ALS schreitet fort, die Eheleute aus Wulfen wissen nicht, wie viel gemeinsame Zeit ihnen noch bleibt. Aber den Lebensmut lassen sie nicht sinken.

Tödliche Krankheit

Der schleichende Tod: Wulfener leidet an ALS

Dorsten - Dieses Zucken im rechten Oberarm beunruhigte Wilhelm Haddick nicht. Es nervte einfach nur. Der Hausarzt empfahl ihm Magnesiumtabletten. Doch das Zucken ging nicht weg. Fünf Monate später hatte Wilhelm Haddick die Diagnose: ALS. Unheilbar. "Ich werde daran sterben", sagt der 67-jährige Wulfener.

Wilhelm Haddick sitzt am Esszimmertisch in seinem Haus am Kottendorfer Feld. Vor ihm liegt die Fernbedienung des Fernsehers. Die kann er noch bedienen, viel mehr schafft der Wulfener fünf Jahre nach den ersten Symptomen der tödlichen Krankheit nicht mehr. Keine Kraft mehr Der rechte Arm hängt kraftlos herunter, den linken kann er noch mit Mühe heben. Aber wie lange noch? Die Kraft ist aus seinen Beinen gewichen, das Sprechen strengt ihn an. "Ich habe nur noch ein Lungenvolumen von 42 Prozent und 13 Kilo Muskelmasse verloren", sagt er beinahe entschuldigend. Wilhelm Haddick braucht Hilfe. Jeden Tag, rund um die Uhr. "Das war am Anfang nicht leicht für mich."

Auch nicht für seine Ehefrau Ursula (66). "Wir hatten damals überhaupt keine Ahnung, was ALS ist", gibt sie zu. Ihr Sohn Stefan hatte nach Recherchen im Internet geahnt, woran sein Vater erkrankt war. Aber verraten hatte er es seinen Eltern zunächst nicht, sondern gehofft, dass es doch anders kommen würde. Als der behandelnde Neurologe die Diagnose mitteilte, sagte er nur: "Ich weiß nicht, ob ihr lesen wollt, was ich herausgefunden habe." Seine Eltern wollten es. Wie viel Zeit bleibt noch?

Wilhelm Haddick wird an Amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS, sterben. An jener unheilbaren Nervenkrankheit also, für deren Erforschung sich Menschen derzeit weltweit Eiswasser über die Köpfe schütten ("Ice Bucket Challenge") und Geld spenden wollen. "Der Arzt hat mir damals gesagt, dass ich an einer langsamen Form von ALS erkrankt bin." Durchschnittlich leben Patienten noch drei bis fünf Jahre, "das habe ich schon geschafft", sagt der Wulfener mit einem Lächeln. "Vielleicht lebe ich ja noch drei Jahre, vielleicht ist es Weihnachten schon vorbei."

Rundum-Betreuung

Aber damit beschäftigt sich Wilhelm Haddick nicht. Er besucht keine Selbsthilfegruppe, "um nicht zu sehen, wie es mit mir weitergehen kann". Der Alltag ist schon hart genug für ihn - und seine Frau. Sie muss ihren Ehemann inzwischen füttern, waschen, rasieren. Sie bringt ihn zur Toilette, zieht ihn an. "Unser Leben hat sich um 180 Grad gewendet", sagt sie. Das Haus hat einen Treppenlift bekommen, die Badewanne einen Wasserlift, die Toilette eine elektrische Aufstehhilfe. Ursula Haddick ist immer für ihren schwer kranken Mann da, aber sie weiß: "Eines Tages schaffe ich das nicht mehr alleine." Das arbeitet in ihrem Kopf, das will sie nicht wahrhaben. Jetzt noch nicht.

Antrag auf Altersteilzeit war gestellt

Wilhelm Haddick war Kraftfahrer bei "Straßen-NRW". Ein Mann, der anpacken konnte. Als die tödliche Krankheit ausbrach, war der Antrag auf Altersteilzeit schon gestellt. So weit kam es nicht mehr. "Ich konnte irgendwann nicht mal mehr Steckverbindungen zusammenführen." Der 67-Jährige war jahrelang im Vorstand des Reitervereins Lembeck, 47 Jahre im Offizierkorps des Wulfener Schützenvereins. Ein Mann, der Verantwortung übernehmen konnte und wollte. Vorbei. Seine Vereinskameraden trifft er gelegentlich noch, denn das Ehepaar versucht, so gut es geht, am Leben teilzunehmen. "Viele gehen offen auf mich zu, aber manch einer hat Hemmungen und dreht sich weg", hat Wilhelm Haddick erfahren. Böse ist er diesen Menschen nicht. Jeden Mittwoch in der Tagespflege

Wilhelm Haddick hat sein Schicksal angenommen. "Ich habe keine Schmerzen", gewinnt er der Krankheit sogar einen positiven Aspekt ab. Und: "Meine Frau und ich können miteinander reden, das ist ganz wichtig." Seinen Humor hat er nicht verloren. "Wir lachen wirklich noch", bestätigt seine Frau. Um sie zu entlasten, hat sich der schwer kranke Wulfener "freiwillig" zur Tagespflege angemeldet. So hat Ursula Haddick jeden Mittwoch ein paar Stunden für sich und weiß ihren Mann in guten Händen. Doch natürlich kreisen die Gedanken auch dann um ihren Wilhelm, mit dem sie seit 44 Jahren verheiratet ist. Und sie erinnert sich manchmal daran, wie eine Bekannte vor nicht allzu langer Zeit sagte: "Man merkt deinem Mann ja gar nicht an, dass er so krank ist."

Ursula Haddick hat sich wortlos umgedreht und ist gegangen.

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