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Die alte Korbflasche und das Notetikett stammen aus der frühen Nachrkiegszeit, als Johannes Mergens Vater ganz Wulfen mit selbst gebrannten Spirituosen aus der eigenen Brennerei versorgte.

Nach 35 Jahren ist Schluss

Johannes Mergen übergibt seinen Landmarkt an Pächterin

Wulfen - Johannes und Brigitte Mergen verabschieden sich nach fast 35 Jahren von ihrem Landmarkt in Wulfen in den Ruhestand. Die neue Pächterin strukturiert um.

Die Regale sind großenteils schon leer geräumt. „Wir schaffen Platz für das neue Sortiment“, packen Johannes und Brigitte Mergen kräftig an, schließlich übernimmt am 1. Oktober die neue Pächterin Sina Schmitz aus Voerde den Laden, und den will das Ehepaar ihr ordnungsgemäß überlassen.

In Marktlücke gesprungen

„Nach fast 35 Jahren hören wir jetzt auf“, erinnert sich Johannes Mergen noch gut an die Gründung seines Getränkefachmarktes 1983, mit der er damals tollkühn in eine Marktlücke gesprungen war: „Unsere Kunden konnten zwischen rund 60 Sorten Bier auswählen“, hatte der Geschäftsmann auch das Schwarzwälder Tannenzäpfle, Andechser, Budweiser und sogar zwei alkoholfreie Marken im Angebot.

Zehn Heilwasser-Sorten und Sherry im Fass gehörten ebenfalls zu den Spezialitäten, die Kunden weit über Dorstens Grenzen hinaus nach Wulfen „Auf der Lehmkuhl 2“ lockten. Zumal der Service stimmte: „Die schweren Getränkekisten haben wir ihnen selbstverständlich auch in den Kofferraum des Autos gestellt“, war beim Chef der Kunde König.

Zwei Jahre später wurde aus dem Getränkefach- ein Landmarkt: Naturkost, Honig, Obst vom Niederrhein, Kartoffeln und Eier aus heimischen Gefilden, aber auch Düngemittel, Blumenerde und ein umfangreiches Angebot für alle Heimtiere ergänzten das Sortiment, ganz nach dem Werbemotto: „Sie haben Garten und Tier, alles andere haben wir!“

Familientradition

Die Ladenfläche wuchs auf 550 Quadratmeter. „Dafür mussten unsere 160 Mastbullen aus ihrem Stall ausziehen. Wir haben die Tiere verkauft“, entschied sich Johannes Mergen für die Maßnahme „Bullen raus – Bier rein!“ 1993 dann eine weitere wichtige Zäsur: „Wir haben den Brennereibetrieb eingestellt und die Spirituosenproduktion aufgegeben“, beendete der gelernte Landwirtschaftsmeister, Destillateur und Destillatbrenner eine alte Familientradition, die 1871 auf diesem Fleck Wulfener Erde von seinem Urgroßvater gegründet worden war: 1871 war Heinrich Mergen mit einer Kornbrennerei plus Likörproduktion an den Start gegangen. „Die Spirituosen wurden teils per Eisenbahn, teils mit Fuhrwerken bis nach Essen und Gladbeck ausgeliefert“, erzählt der Nachfahre.

Brennerei komplett demontiert

Im Zweiten Weltkrieg kam der Betrieb zum Erliegen, die Brennerei wurde komplett demontiert, Kupfer und Eisen wurden für Militärzwecke benötigt. „1947 hat mein Vater aber wieder mit Volldampf losgelegt und die umliegende Gastronomie und private Kundschaft beliefert“, verwahrt Johannes Mergen noch die bauchige Korb-Glasflasche, in denen hochgeistige „Nahrung“ schwappte.

Der starke Wettbewerb auf dem Getränkesektor bedingt nun eine weitere Umstrukturierung. „Die Getränkesparte wird aufgegeben zugunsten des Heimtierbereichs“, verkündet Johannes Mergen. Das erfordere eine große Investition, die sich nur über längere Jahre rechne. Und das will sich das Ehepaar nun nicht mehr antun. „Wir danken unseren Kunden für ihre Treue und sind froh, dass die neue Pächterin auch unsere beiden Angestellten Gabi Demski und Ulrike Beckmann übernimmt.“

Ahnenforschung

Langeweile fürchten sie in ihrem frei gewählten Ruhestand nicht: „Wir haben genug mit unserem Hof und Wald zu tun“, freuen sich Johannes (63) und Brigitte Mergen (61) auf Radwanderausflüge in die schöne Natur. Und Johannes Mergen brennt darauf, sich auf sein „Steckenpferd“ zu stürzen: die Ahnenforschung.

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