Szene aus dem zweiten „Rosenkavalier“-Akt
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Eine Bettszene gibt es im neuen Münchner „Rosenkavalier“ auch – allerdings an ungewohnter Stelle: hier Katharina Konradi als Sophie (re.) mit Daniela Köhler als Jungfer Marianne, Johannes Martin Kränzle (Faninal) und Caspar Singh (Haushofmeister, li.).

Online-Premiere an der Bayerischen Staatsoper

Barrie Kosky über den Münchner „Rosenkavalier“: Grenzenlose Erotik

Mehr Filetstück geht fast nicht: „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss gehört zur DNA der Bayerischen Staatsoper. Die legendäre Produktion von Otto Schenk lief ein halbes Jahrhundert lang. Mit der Inszenierung von Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, bricht nun eine neue Zeit an. Premiere ist am Sonntag, 21. März, als Internet- und TV-Übertragung. Vladimir Jurowski, der künftige Generalmusikdirektor, steht am Pult.

„Jeder darf seine erotischen Impulse auf die ,Rosenkavalier‘-Figuren projizieren“, sagt Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin.

Warum sind Sie eigentlich so gut gelaunt?

Weil Sie mich in einer gut gelaunten Stunde treffen. Hätten Sie mich Donnerstagabend nach der Verlängerung des Verbots von Kulturveranstaltungen gesprochen... Was ich in den letzten Monaten erfahren musste: Man fühlt im Laufe eines Tages 20 unterschiedliche Emotionen. Der normale Rhythmus ist komplett weg: Proben, Hauptprobe, Generalprobe vor Publikum, ein bisschen Feedback, ein paar Tage Pause, dann Premiere. Einerseits ist da diese unglaubliche Freude darüber, dass man proben und dieses Stück in sieben intensiven Wochen auf die Bühne bringen darf. Und dann geht man raus, schaut in die News und erfährt, dass wir am 28. März nicht wie geplant vor Publikum spielen dürfen. Meine Inszenierung kommt also nicht in die Welt als ein Musiktheaterritual. Okay, Zehntausende werden hoffentlich den Stream sehen, wunderbar. Aber ich mache doch keine TV-Oper!

Sie sind also ein Stream-Hasser?

Nein, absolut nicht, aber es ist anders. Normalerweise ist die Generalprobe die Geburt, und ein blutiges Kind kommt heraus. Bei der Premiere hält man das gewaschene, gewickelte Kind im Arm. Es schreit das Publikum wunderbar an. Der Live-Stream ist wie die letzte Ultraschall-Untersuchung vor der Geburt. Aber die Inszenierung ist noch nicht das Baby.

Wenn man sich derzeit mit Künstlerinnen und Künstlern unterhält, scheint es: Die Kreativität wie nach dem ersten Lockdown im Frühsommer 2020 ist weg. Es gibt jetzt nur noch Müdigkeit und Frust.

Da haben sie vollkommen Recht. Ich durfte zu Beginn dieser Saison „Boris Godunow“ in Zürich inszenieren und drei Corona-Produktionen in Berlin. Wir dachten: So können wir arbeiten, mit diesen Kompromissen. Mit Tests, Hygieneregeln und Abstand. Und dann kam Rückschlag auf Rückschlag. Mein Optimismus und meine pragmatische Energie sind gerade sehr, sehr gefährdet. Als Intendant habe ich die Pflicht, nach vorn zu schauen. Als Künstler geht es mir anders. Es dreht sich nicht mehr um die finanzielle Situation, um Applaus, so wichtig das alles ist. Was mir fehlt: der Austausch. Ich gebe fremden Menschen in der Dunkelheit einen Teil meiner Seele, und sie geben mir durch die Dunkelheit, über den Graben hinweg etwas zurück. Großartig, dass die Supermärkte offen sind für Lebensmittel. Doch die seelische Nahrung fehlt.

Der „Rosenkavalier“ wurde uraufgeführt in Dresden, in München lief die alte Inszenierung ein halbes Jahrhundert, in Wien ist er extrem beliebt. Passt die Oper in Städte, die ständig die Vergangenheit beschwören?

Das glaube ich nicht. Man identifiziert sich in diesen Städten mit dem Stück, es gibt einen besonderen Resonanzboden, das kommt vor allem durch die herausragenden Dirigenten, Sängerinnen und Sänger. Aber wir kennen blendende Inszenierungen auch woanders. Es wie mit Bayreuth und Wagner. Er wird dort immer etwas Besonderes sein. Ich empfinde das nicht als Druck. Oper lebt von solchen Situationen, ich bringe ein Stück ja nicht in einem luftleeren Raum heraus.

„Tosca“ spielt am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, der „Rosenkavalier“ zur Zeit Maria Theresias. Ist man als Regisseur ständig auf der Flucht vor diesen Festlegungen?

Man nimmt den Text, die Musik und die daraus folgenden Assoziationen und interpretiert. Für mich hat er null zu tun mit Maria Theresia. So wenig wie die „Meistersinger“ mit dem echten Nürnberg zu tun haben. Der „Rosenkavalier“ ist ein Spiel mit dem Rokoko. Der historische Kontext ist nur Mittel zum Zweck.

Die Marschallin leistet sich gern Affären, Sophie opponiert in einer konservativen Adelswelt gegen den Vater. Der ist ein Hysteriker und der für sie ausgesuchte Ehemann ein Grobmotoriker. War Strauss Feminist?

Er liebte Frauenstimmen. Und er war tief beeinflusst von Mozarts Frauenfiguren. Auch bei Strauss sind die Frauen, wie in „Figaros Hochzeit“, klüger, frecher, witziger, ehrlicher, komplexer als die Männer. Eigentlich wie im richtigen Leben, oder?

Die Bewertung dieser Figuren hat sich auch verändert durch neue Besetzungstraditionen. Der Ochs-Sänger ist heute kein Opa-Typ mehr, sondern eben so jugendlich wie Christof Fischesser hier...

...und damit viel näher dran an dem, was Strauss und sein Textdichter Hugo von Hofmannsthal wollten. Okay, Ochs ist unerträglich und frauenfeindlich in dem, was er sagt. Doch in vielen Inszenierungen sah man Harvey Weinstein oder Dominique Strauss-Kahn wie im New Yorker Hotelzimmer, und das stimmt einfach nicht. So einen hätte doch die Marschallin sofort rausgeschmissen aus ihrer Villa.

Warum ist Titelheld Octavian ein Mezzosopran? Ist es wirklich nur eine Reminiszenz an Mozarts Cherubino – oder ist das sexuell aufgeladener?

Das hat alles mit dem Diplomaten und Literaten Harry Graf Kessler zu tun, der damals Hofmannsthal diese Geschichte vorschlug und am Text mitarbeitete. Ein dilettantischer, gebildeter, homosexueller, frustrierter Künstler. Und Hofmannsthal war wahrscheinlich bisexuell, sagt jedenfalls Dr. Sigmund Kosky. Und dann Strauss: das totale Gegenteil eines Homosexuellen. The most non-queer composer des 20. Jahrhunderts, der vier oder fünf der queersten Opern des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Dieser kleine, geniale Spießer... Was Kessler und Hofmannsthal vielleicht unbewusst tun: Sie erschaffen mit Octavian nicht nur eine Cherubino-Hommage, sondern eine Projektionsfigur. Eine Art älterer Tadzio aus Thomas Manns „Tod in Venedig“. Was dabei herauskam: grenzenlose Erkundungsmöglichkeiten hinsichtlich Gender und Erotik …

...in denen sich das Publikum wiederfindet.

Ganz genau! Ob man als Hetero, als Homo, als Mann, Frau oder Trans da sitzt – man erlebt im „Rosenkavalier“ pure Sexualität. Jeder darf seine erotischen Impulse projizieren auf diese Figuren. Und alles ist gesellschaftlich safe, weil es als Rokoko und Oper getarnt ist.

Brigitte Fassbaender, ein Jahrhundert-Octavian, sagte einmal: Je mehr sie über Strauss liest und erfährt, desto unsympathischer werde er ihr.

Ich finde ihn nicht unsympathisch. Er ist vielleicht nicht der ideale Abendessens-Gast. Er hat Fehler gemacht in der Nazi-Zeit, er war aber kein Nazi. Er war ein Mann seiner Zeit. Sehr eitel, etwas kokett, auch sehr unsicher. Und gesegnet mit einem trockenen Humor. Er interessiert mich, weil er ein bisschen rätselhaft bleibt. Man denkt immer: Dieser Mann soll „Salome“ geschrieben haben? Er konstruierte sich sein eigenes Universum, das nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun hatte. Das ist natürlich an sich problematisch, aber auch hochinteressant.

Inszeniert sich „Salome“, gerade durch die archaische Wucht der Musik, leichter als der „Rosenkavalier“?

Das kann ich so nicht sagen. Die Herausforderung des „Rosenkavaliers“ ist genau wie bei Wagners „Meistersingern“: Eine gute Komödie kann nicht vier oder fünf Stunden dauern. Sorry. Wagner wollte die Big German Comedy schreiben, herausgekommen ist etwas anderes. Strauss möchte eine Farce, eine Antwort auf Lehárs „Lustige Witwe“ schreiben. Auch dabei entstand etwas komplett anderes. Es ist für die Regie ein unglaublicher Balance-Akt, ein Tanz zwischen operettenhafter Leichtigkeit und Tiefe. Auch für den Dirigenten übrigens. Ich liebe so etwas, weil ich als Regisseur gern zwischen den Genres pendle. „Rosenkavalier“ ist voller Klamauk, aber dazwischen muss man hinter einem imaginären Vorhang die Seele sehen.

Aber die meisten sehen im „Rosenkavalier“ doch Melancholisches.

Viel schlimmer: Es ist oft nur dieser deutsche Weltschmerz – wenn die großen Diven als Marschallin am Ende das „Ja, ja“ so singen, als ob sie dann nach Hause fahren und zur Pistole greifen. Falsch! Die Melancholie des „Rosenkavaliers“ ist wie die ersten Herbsttage, es ist keine Winter-Tristesse. Die Marschallin wird ihren Mann behalten, daneben fantastische Lover haben, bis sie 70, 80 und eine exzentrische, vielleicht bisexuelle Aristokratin in Vivienne-Westwood-Kleidern geworden ist.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Premiere
am Sonntag, 21. März, 15.30 Uhr, unter staatsoper.tv und auf Arte; die Vorstellung ist danach abrufbar auf staatsoper.tv.

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