Ballett-Oper am MiR

Schon jung im Bann des Todes

  • schließen

GELSENKIRCHEN - In der Kunst wird der Tod oft als Sensenmann geschildert, der auf reiche Ernte hofft. Oder als schauriger Greis, der sich lüstern eines nackten Mädchens bemächtigt. Aber kaum je als lockender Jüngling. So zeigt ihn die Ballett-Oper „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“.

Am Musiktheater im Revier (MiR) erlebte das fesselnde Werk der New Yorker Komponistin Michelle DiBucci und der Gelsenkirchener Ballettchefin Bridget Breiner eine umjubelte Uraufführung. Breiner und der großen Schar hochmotivierter Tänzer, Sänger und Musiker ist ein komplexer Abend von seltener Intensität geglückt.

Diese Lesart des alten Themas „Der Tod und das Mädchen“ stellt auch ans Publikum hohe Ansprüche. Sie gibt einer Verstummten aus der Millionenschar der von Nazi-Schergen ermordeten Menschen jüdischer Abkunft eine Stimme. 26 Jahre alt und hochschwanger war Charlotte Salomon, als sie 1943 in Auschwitz-Birkenau vergast wurde. In wohlbehüteten Verhältnissen als Tochter eines Chirurgie-Professors in Berlin aufgewachsen, lebte sie in ihrer Kindheit und ab 1939 auf der Flucht vor den Nazis bei den Großeltern im Exil in der Nähe von Nizza noch einmal für eine kurze Zeitspanne auf der Sonnenseite des Lebens.

Doch dieses Leben stand schon früh im Bann des Todes. Die depressive Mutter stürzte sich aus dem Fenster, als Charlotte Salomon neun war. Die Großmutter folgte, als 1940 die Deutschen auch Frankreich überfielen. Dem Wahnsinn nahe, verfiel Charlotte Salomon in einen Schaffensrausch. Durch die Malerei gewann sie Distanz im Blick auf Höhen und Tiefen. 1325 kleinformatige, expressiv aufgeraute Gouachen entstanden. Seelenstudien mit bizarren, auch naiven Zügen, die heute im Jüdischen Museum Amsterdam verwahrt werden. 769 Blätter hat Charlotte Salomon im Exil zu einem nie aufgeführten Singspiel unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ zusammengestellt.

In Philipp Contag-Ladas Videoprojektionen geraten die Bilder ins Fließen. Und es scheint, als träten die Figuren als Tänzer aus ihnen heraus: die als Paulinka bewunderte Stiefmutter, eine Berliner Opernsängerin, deren als Daberlohn verewigter Gesangslehrer, in den sich die Kunststudentin verliebte, oder die Großeltern an der Côte d’Azur. Die Pfefferbäume an der sonnigen Küste erweisen sich als trügerisches Idyll. Bridget Breiner zeigt dieses Leben als Maskenspiel mit Maskeraden für Sehnsucht und Bedrängnis. Und es passt vorzüglich zum Tanz, wie auf Jürgen Kirners Bühne alles schillernd in der Schwebe bleibt.

Die großartige Kusha Alexi führt als Charlotte durch diesen Lebenskosmos. Sie ist Akteurin und Beobachterin mit Jonathan Ollivier im Schlagschatten als Tod. Moritatenhafte Züge gewinnen die Auftritte der fabelhaften Sänger Anke Sieloff, Michael Dahmen, Piotr Prochera, Joachim G. Maaß, Lars-Olover Rühl und Thomas Diestler. Mit hochkonzentrierter Hingabe widmen sich Kapellmeister Valtteri Rauhalammi und ein 15-köpfiges Kammerensemble der zitatgesättigten, mal elegisch zarten, mal furios auftrumpfenden, wild zerklüfteten Musik voller Anspielungen auf Glucks „Orpheus“ („Ach ich habe sie verloren“), Bizets todgeweihte Carmen und Beethovens Verbrüderungschor aus der „Neunten“, mit französischen Akkordeonklängen und wüsten Gitarrenriffs.

@ www.musiktheater-im-revier.de InfoWeitere Aufführungen 22. Februar, 7., 29. März, 23. April. Karten im RZ-, BZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Hotline 0209 / 14 77 999. Das Kunstmuseum Bochum zeigt vom 28. Februar (Eröffnung 17 Uhr) bis zum 25. Mai Malerei von Charlotte Salomon.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Eichendorffstraße 43 und 45 - So wollen Stadt und Hauseigentümer nun durchgreifen
Eichendorffstraße 43 und 45 - So wollen Stadt und Hauseigentümer nun durchgreifen
Junge Mutter und ihr Sohn (2) aus Recklinghausen-Süd werden vermisst
Junge Mutter und ihr Sohn (2) aus Recklinghausen-Süd werden vermisst
Ein Leerstand weniger in der City: Junge Frau erfüllt sich ihren Traum 
Ein Leerstand weniger in der City: Junge Frau erfüllt sich ihren Traum 
Juwelier Exner: Kosten nach Raubüberfall sind immens - noch immer keine Spur von den Tätern
Juwelier Exner: Kosten nach Raubüberfall sind immens - noch immer keine Spur von den Tätern
Hitzewelle im Anmarsch, Folgekosten für Juwelier, Terror-Razzien in NRW
Hitzewelle im Anmarsch, Folgekosten für Juwelier, Terror-Razzien in NRW

Kommentare