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Die Compagnie Hervé Koubi.

Beifall für die Compagnie Hervé Koubi

Tänzerischer Appell für Toleranz

Marl - Wer die magischen Tanzwelten der Compagnie Hervé Koubi vor zwei Jahren bei den Ruhrfestspielen erlebt hat, wird sich auf dieses Wiedersehen gefreut haben: Mit seiner neuen Choreografie „Barbarische Nächte oder der erste Morgen der Welt“ gastierte der Franzose mit algerischen Wurzeln am Wochenende erneut im Theater Marl. Und wieder wirbeln die 13 Tänzer mit einer überwältigenden Wucht und spirituellen Poesie über die Bühne, dass man von jetzt auf gleich eintaucht in eine längst vergessene Zeit.

60 Minuten lang beschwört der französische Choreograf mit algerischen Wurzeln eine verschwundene Kultur, visualisiert das Andere und Fremde und wirbt für ein Verstehen und Toleranz.

Mit ersten sphärischen Klängen beginnt der Tag, die Barbaren erwachen, glitzernde Masken verdecken die Gesichter und erinnern mit ihren bedrohlich im Dunkel blitzenden Messern an die Hörner des Minotaurus. Misstrauen und Angst, aber auch Stolz und Stärke transportiert das starke Eingangsbild. Dann erste überraschend weich-fließende Bewegungen, die Armee von Kriegern legt die Säbel ab, nach und nach verschwinden auch die Masken. Mit zarten orientalischen Flötentönen startet die emotionale Spurensuche zu den Kulturen und Religionen des Mittelmeerraums, ein Schmelztiegel permanenter Auseinandersetzung, mit rätselhaften Ritualen und einer wilden Ursprünglichkeit.

Nicht lange und die Tänzer zeigen erste Headspins, schlagen Salti und lassen ihre muskulösen Körper zu peitschenden Trommelrhythmen in der Luft rotieren, dass die Röcke nur so fliegen. Während sich einige zu immer wieder neuen athletischen Figuren verbiegen und das Vokabular der Hip-Hopper in seiner ganzen Vielfalt auffächern, drehen sich andere auf dem Kopf oder im Handstand wie in Sufi-Trance. Später werden die Röcke hochgerafft, aus den Derwischen werden Capoeira-Kämpfer.

Immer wieder nutzt Koubi die gesamte Bühnentiefe, lässt sein Ensemble auf verschiedenen Achsen synchron tanzen, um dann wieder mit solistischen Einlagen ruhige Akzente zu setzen.

Eine linear erzählte Handlung gibt es nicht, stattdessen strukturieren Kampfszenen und friedliche Momente das Tanzstück. Kraft und Sinnlichkeit verschmelzen zu einer wilden Eleganz, die auch von Verletzungen und Hoffnungen erzählt. Irgendwann richten sich die Messer gegen einen Tänzer. Dann sind plötzlich alle mit Stöcken bewaffnet.

Dann sind plötzlich alle mit Stöcken bewaffnet

Immer wieder thematisiert der Choreograf auch Gemeinschaft und tiefes gegenseitiges Vertrauen, wenn sich einer der Männer aus der Körperpyramide im freien Fall in die Arme der anderen stürzt oder sich ein einzelner Tänzer auf den Köpfen der anderen über die Bühne bewegt.

Wieder lässt der Choreograf nur mit Licht, Körpern und Musik einen ganzen Kosmos an Emotionen und Bildern entstehen, der gleichzeitig berührt und fesselt.

Ein Klangteppich aus modernen Soundstrukturen, orientalischen Kompositionen und Musikzitaten von Mozart und Wagner begleitet die Reise zu den Wurzeln urbanen Lebens. Ganz am Ende sind die Tänzer in Jeanshosen im Heute angekommen.

Wie schon beim letzten Mal feiert das Publikum die tänzerische Andacht zur kulturellen Verständigung mit minutenlangem Jubel und Ovationen.

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