Dietrich Hilsdorf „Walküre“

Herrschaftswahn im Zeichen der Apokalypse

DÜSSELDORF - Das ist kein Abend für Opern-Kulinariker, denen schierer Wohlklang als das Höchste gilt. Es ist auch kein Abend für Stimmenfetischisten, die wenig auf szenische Vergegenwärtigung geben. Stattdessen ist ein Wagner-Ereignis im Zeichen glasklarer Analyse zu bewundern. Richard Wagners „Walküre“ hat Dietrich Hilsdorf an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf mit einem überragenden Ensemble zu einer fesselnden Aufführung von nicht nachlassender, berstender Spannung detailgenau ausgeformt.

Die Quittung: eine Buh-Salve aus konservativer Ecke für einen klug reflektierenden Regisseur, der sich erdreistet hat, den Mythos der „Walküre“ auf den Prüfstand zu stellen. Dasselbe Publikum überschlägt sich vor Ovationen für die Sänger. Der für seine gründliche Auseinandersetzung gerühmte Regisseur hat die „Walküre“ vor neun Jahren bereits am Essener Aalto-Theater inszeniert. Nun, in seiner ersten kompletten „Ring“-Inszenierung, deutet er sie mit neuem Akzent wie der Komponist vom Ende her: Die „Götterdämmerung“ hat schon begonnen. In Düsseldorf erleben wir sie als Familiensaga im Hause Wotan in Gestalt großen Konversationstheaters mit perfekter Personenführung.

Zwingender als in Essen bricht Hilsdorf die illusionistische Verbrämung mythischer Verstrickung auf, ohne den Kern des Wagner-Mythos zu beschädigen. Meistern lässt sich das nur mit überragenden Sängerdarstellern. Die kräftezehrende Partie des heillos verstrickten Göttervaters Wotan bewältigt Simon Neal bewundernswert kantabel und mit klarer Artikulation kernig bis ins Finale. Seine Bedrängnis in der Behauptung vermessener Weltherrschaft wird in der packenden Leistung des britischen Baritons greifbar. Ihm ebenbürtig sind die mit betörender Strahlkraft perfekt durchgestaltete Sieglinde der schwedischen Sopranistin Elisabet Strid und die von Wotan fast wider Willen verstoßene Lieblingswalküre der zu großen Ausbrüchen fähigen, Bayreuth-erprobten Brünnhilde von Linda Watson.

Der amerikanische Hüne Corby Welch erweist sich nicht ganz höhensicher und mit nicht gerade magischen „Wälse“-Rufen als intelligenter Interpret der so gar nicht stählern gesungenen Heldentenor-Partie des Siegmund. An Sinnlichkeit lässt er nicht nur in seiner strahlenden Arie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ nichts zu wünschen übrig. Als Wotans zürnendes Ehegespons Fricka, der die inzestuöse Wälsungen-Liebe zuwider ist, wendet Renée Morloc wie ein Racheengel das Schicksalsblatt. Ebenbürtig fügen sich Sami Luttinen mit sonorem Bass als verschlagener Jäger-Schrat Hunding und die durch die Bank überzeugenden acht Walküren ein. Ihr Ritt in Renate Schmitzers rot verschossenen wallenden Kostümen im letzten Akt vor einem Hubschrauber-Wrack wirkt zum blinkenden Varieté-Portal aus „Rheingold“ wie ein aus dem Ruder gelaufener amouröser Totentanz mit waidwunden, halbnackten Recken.

Einen alptraumhaften Klangraum im Zeichen der Apokalypse mit dem Stumpf der Weltesche als Träger hat Dieter Richter als Einheitsbühne unter dem Eindruck des Unbehausten in Filmen wie Michel Hannekes „Wolfszeit“ oder Andrej Tarkowskis „Stalker“ entworfen. Ein bunkerartiges Verlies mit langer Familientafel ist es im ersten und zweiten Akt, eine hohe Halle im dritten. Die lodernde Glut der Hochöfen und der Rauch der Schlote bilden den Feuerkreis, mit dem Wotan die verstoßene Brünnhilde bannt. Da kündigt sich schon die Fortsetzung an, mit „Siegfried“ und seinem freien Recken, der Wotans Weltherrschafts-Wünsche einlöst. Was Hilsdorf überzeugend gelingt, glückt Axel Kober mit den Düsseldorfer Symphonikern trotz seines Triumphes beim Publikum nur in Maßen: Klangpracht im Wogen und Tosen mit Schliff. Kober bremst die siedende Dramatik aus. Und so mangelt es der komplexen Struktur trotz weicher Piani und klug gesetzter Generalpausen bei manch ungenauem Einsatz vor lauter Verzagtheit an rundum überzeugender Brillanz.

INFO:

Weitere Termine: 17. Februar, 4., 11., 25., 31. März, 17. Juni. Karten Tel. 0211 / 89 25 211.

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