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Mit Reisigkrone wirkt er wie ein Gehörnter: Lear (l.).

„Einfach nur Lear“

Jubel und Bravos für Claus Peymanns Poesie

Recklinghausen - Der Prolog gehört einem Bühnen-König: Karl-Ernst Herrmann, der über ein halbes Jahrhundert den Blick auf das deutschsprachige Theater prägte, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Shakespeares „King Lear“, just zwei Tage lang bei den Ruhrfestspielen umjubelt, war die letzte Arbeit des Raumzauberers. Das Recklinghäuser Gastspiel wolle das Stuttgarter Ensemble dem „großen Meister“ widmen, sagte Regisseur Claus Peymann in seiner kurzen Begrüßungsrede.

48 Mal haben die zwei Ikonen des Theaters zusammengearbeitet. „Einfach nur Lear“ lautete diesmal die schlichte Regieanweisung, die beide zu poetischen Höchstleistungen antreibt. Wieder ist Herrmanns wunderbares Minimalbühnenbild von hoher Suggestionskraft: Ein Kreidekreis markiert Lears Königreich, ein paar Stühle, ein paar Farben, eine Krone wie ein Damoklesschwert am Haken, dazu magisches Licht, mal kalt wie in einem Obduktionssaal, mal mystisch wie in einem Märchen – mehr braucht Shakespeares grausames Universum nicht.

Ohne Regie-Mätzchen, klar und nah am Original erzählt der 80-jährige Peymann das blutige Drama mit viel schwarzem Humor. Aktuelles liefert die Vorlage genug: „Das ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen“, heißt es etwa nach der Pause. Souverän vertraut der Altmeister auf den Text, stellt den Generationenkonflikt in den Fokus, und lässt seinem exzellenten Ensemble, psychologisch sehr exakt, viel Raum, verstörende Bilder zu entwerfen.

Allen voran glänzt Martin Schwab als Lear mit seiner unglaublichen Präsenz. Glaubhaft durchlebt er jeden Stimmungswechsel , ist mehr der weiche-senile, denn der ruppig-finstere Regent. Der König tarnt seine Altersmüdigkeit mit einem weißen Dandy-Anzug , tänzelt leichtfüßig über die Bühne und stolpert über seine Starrköpfigkeit.

Weil seine Lieblingstochter nicht die richtigen Worte findet, verteilt er den Königskuchen nur an seine Lügentöchter und überhört die Wahrheit. In seiner Enttäuschung reagiert der Greis wie ein trotziges Kind, das wütend stampft, weil es seinen Willen nicht kriegt. Die gespenstische Kälte der beiden berechnenden Schlangen (Manja Kuhl und Caroline Junghans sind herrlich verschlagene Gift-Spritzen) lässt ihn mit Reisigkrone wie ein Gehörnter immer mehr in den Wahnsinn taumeln. Als Vernunft mit Karnevalskappe hält der Narr (starker Auftritt für Lea Ruckpaul als Cordelia und Narr in einer Doppelrolle) dem immer absurder agierenden Schwab den Spiegel vor und begleitet ihn durch seine Einsamkeit. Ihr großes komödiantisches Talent dürfen auch Peter René Lüdicke als Kent und Horst Kotterba als Oswald ausspielen.

Den Akteuren gelingen großartige Bilder

Immer wieder durchbricht Peymann die Ruhe seiner Inszenierung mit eruptiver Naturgewalt: Donner dröhnt, grelle Blitze zucken durch den Raum und der peitschende Regen tröpfelt im Strudel der Intrigen, Egoismen und Verlogenheiten unerbittlich bis in den Zuschauerraum. Die grausame Welt kennt auch in der zweiten Familiengeschichte, die Konkurrenz der Söhne um die Gunst ihres Vaters Gloster (Elmar Roloff gibt ihn als todessüchtigen Blinden), kein Erbarmen. Anfangs führt Peymann die Parallelhandlung geduldig voran. Auch hier gelingen den Schauspielern großartige Bilder: Der Edmund von Jannik Mühlenweg geht als Mephisto unserer Tage ungestüm über Leichen, Lukas T. Sperber wirkt als naiv-sanftmütiger Edgar, der als Bettler die Flucht ergreift, wie ein Märtyrer.

Ob er auch sein Hab und Gut an seine Töchter verloren habe, fragt Lear ihn in seiner kindlichen Demenz. Eine so witzige wie berührende Szene. Wie meisterhaft Peymann den Wahnsinn beherrscht, zeigt sich auch, als er den alten König seine Tochter Reagan aufschneiden lässt, um ihr das harte Herz im Licht der kalten Glühbirne aus dem Leib zu reißen.

Es gibt viele meisterhafte Momente in diesem „Kind Lear“. Nur am Ende wirkt Peymanns dreidreiviertel Stunden lange, werktreue Lesart dann doch ein wenig zäh. Hastig erzählt er alle Intrigen bis in kleinste Verästelungen. Es dauert, bis alle auf dem großen Leichenhaufen liegen.

Karten zu den Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in den Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter Tel. 0209/1477999.

Das Ruhrfestspiel-Publikum lauscht trotzdem gebannt bis zur letzten Minute. In den großen Jubel mischen sich einige Bravos für den 80-jährigen Martin Schwab und das übrige Ensemble.

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