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Maike Knirsch als Helene in „Vor Sonnenaufgang“.

Finsternis auf der Ruhrfestspielbühne

Sehnsüchte und Defizite

Recklinghausen - Das Leben ist ein Karussell und bringt die Menschen immer wieder an den Anfang zurück. „Vor Sonnenaufgang“ ist Finsternis auf der Ruhrfestspielbühne. Unerbittlich zieht die Drehbühne wie in Zeitlupe ihre unendlichen Kreise. Sie quietscht und ächzt hörbar unter der Last des Lebens, die die Protagonisten zweieinhalb Stunden lang auf sie abladen.

Die Menschen schauen sich nicht an, ihre Stimmen kommen aus dem Off. Mit stummen Bewegungen wird Vergangenes skizziert.

So beginnt Ewald Palmertshofers „Vor Sonnenaufgang“. Der österreichische Dramatiker hat Gerhart Hauptmanns frühes Sozialdrama in die Gegenwart verlegt. In der Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Deutschen Theaters Berlin gab es jetzt die deutsche Erstaufführung in Recklinghausen.

Regisseurin Jette Steckel lässt das Leben der Unternehmerfamilie Krause auf einer sparsam erleuchteten Bühne kreisen. Von der Hoffnung, dass der Mensch sich ändern kann, ist in der Aufführung von Beginn an wenig zu spüren. Helene Krause (mädchenhaft Maike Knirsch) ist heimgekehrt, kurz bevor ihre ältere Schwester Martha (traurig und düster Franziska Machens) ihr erstes Kind zur Welt bringen wird.

Die Stiefmutter Annemarie wird von Regine Zimmermann mal kokett, mal verzweifelt als Frau dargestellt, die sich vergeblich bemüht, die Familie zusammen und ihren Mann Egon (Michael Goldberg) vom Alkohol abzuhalten. Marthas Mann Thomas (Felix Goeser) versucht, Nähe zu seiner Frau und seinen Platz in der Familie zu finden – vergeblich. Konflikte gibt es in dieser Zwangsgemeinschaft, deren gemeinsamer Nenner das erfolgreiche Geschäft mit Autoteilen ist, mehr als genug. Selbst der Einkauf fürs erwartete Baby ist Anlass für erregte Dispute.

Da steht mit Studienfreund Alfred Loth (Alexander Simon) ein Überraschungsgast vor der Tür, der nach Jahren wieder Kontakt sucht.

Es entsteht ein Streit mit Thomas über das eigene Leben und gesellschaftliche Ideale, die sich irgendwo zwischen Polen wie AfD und linker Utopie bewegen. Doch die Diskussion über die Weltanschauung ist hier nur ein Randaspekt im Spiel um die menschlichen Sehnsüchte und Defizite, die Jette Steckel in zweieinhalb Stunden gnadenlos aufzeigt – mit wenig Ablenkung durch Bühnenbild oder Aktion.

„Ich bin nur ein Provisorium“

Da wird gestottert, gestammelt, die Familie und der überraschend eingekehrte Freund gehen so holprig miteinander um, dass es zum Erbarmen ist. „Ich bin nur ein Provisorium“, sagt Alfred Loth, der wie alle übrigen wie auf einer Irrfahrt scheint. Nichts ist wahrgeworden von einstigen Lebensträumen – das gilt für alle Akteure in dieser kahlen Bühnenlandschaft, in der wenige Requisiten aus Pappe und Plastik ein Zuhause nicht mal annähernd symbolisieren können. Die ganze Inszenierung mutet in dieser kahlen Umgebung wie ein Laborversuch an – oder wie eine Familienaufstellung, die sonst von Psychologen therapeutisch angewandt wird, um seelische Probleme zu erkennen und zu lösen. Aber hier gibt es keine Heilung – trotz der Perspektive auf den Sonnenaufgang, der Licht ins Leben bringen wird. Alles konzentriert sich auf die sich permanent drehende Scheibe, die die Welt dieser Schicksalsgemeinschaft bildet. Nicht einmal die zarte Liebesgeschichte zwischen Helene und Alfred ist wirklich ein Lichtblick in dieser Collage über die Zerrissenheit, das Scheitern von Lebensentwürfen und Einsamkeit. Alles bleibt skizzenhaft – und wird vielleicht gerade deshalb so eindringlich. Am Ende kommt ein totes Kind zur Welt – und die Sonne geht auf. Wie grausam. Es ist kein schöner Abend, der hier zu Ende geht, aber einer, der sich einprägt.

Karten zu den Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in den Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter Tel. 02 09 / 14 77 999.

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