Ibsens „Gespenster“

Die Familie als Neurosen-Biotop

Recklinghausen - Was für eine unheimliche Szene zu Beginn von Ibsens „Gespenstern“ im Kleinen Theater des Ruhrfestspielhauses. Im Bühnennebel schleppt eine schwankende Gestalt einen leblosen Körper quer über die Spielfläche. Verstanden: Dieser Abend dreht sich – im übertragenen Sinne – um die verborgenen Leichen im Keller einer abgrundtief verlogenen spätbürgerlichen Gesellschaft.

Die Musik dazu verkündet mit den ersten Takten eines Streichquartetts von Arnold Schönberg, was die Stunde geschlagen hat. Hier kündigt sich der Beginn einer Moderne an, die aufräumt mit der Vergangenheit und ihren verstohlenen Tabus. Mit 53 hatte Henrik Ibsen das Schauspiel geschrieben. Mit seiner Enthüllungsdramaturgie nahm er Sigmund Freuds Psychoanalyse um gut ein Jahrzehnt vorweg. Gerichtstag halten über sich selbst – so bezeichnete Ibsen seine große Kunst des kleinen Details, das in Dialogen das übermächtige Verdrängte zutage fördert.

Ibsens sprachbasiertes Theater entfaltet im glücklichsten Fall eine Magie, deren Wucht aus dem Ungeheuerlichen rührt, das ein ums andere Mal enthüllt wird.

Der Koproduktion der Ruhrfestspiele mit den Théâtres de la Ville de Luxembourg steht mit der famosen Almut Zilcher eine Leutnant-Witwe Alving zur Verfügung, die alle anderen Akteure mühelos an die Wand spielt. Allein sie ist Grund genug, diese Produktion nicht zu versäumen.

Ein Familiendrama hat Ibsen seine „Gespenster“ genannt. Die Familie erscheint hier als abgeschirmtes Biotop, in dem Neurosen wuchern. Gesellschaftliche Bezüge blendet der aus dem bayerischen Frankenland stammende Regisseur Johannes Zametzer nahezu aus. Noch gravierender fällt ins Gewicht, dass er sich zwischen den Stilmitteln des Symbolismus, der auf das Verborgene hinter dem Sichtbaren zielt, und dem für Ibsen prägenden sprachbasierten Naturalismus in seiner fatalistischen Sicht des Schicksals nicht entscheiden kann.

Das Gartenzimmer Helene Alvings wird bei Christoph Rasche zur bühnenfüllenden Tuch-Spielfläche. Hier wird der exzentrische, todgeweihte Sohn Osvald bei seiner Rückkehr aus Paris in Pumps durchstöckeln, um sich später mit dem Hausmädchen Regine in der Erde zu suhlen. Luc Schiltz schwadroniert auf Französisch über Baudelaires Ende der Poesie und die Erfüllung allen Übels. Dass Regine die Halbschwester aus einer illegitimen Beziehung seines Vaters mit einer Magd ist, die dem Hausherrn zu Willen war und sich die Vergangenheit damit inzestuös wiederholt, zählt den ungeheuerlichsten Enthüllungen.

Die Beichte vor der Mutter, dass ihm eine Gehirnerweichung droht, ist nur die halbe Wahrheit. Osvald ist an der unheilbaren Syphilis erkrankt, an der sein Vater starb. Wie ein dunkler Dämon tritt Zilchers Helene ins Bild.

Wie ein dunkler Dämon tritt Helene ins Bild

Karten zu den Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in den Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter Tel. 02 09 / 14 77 999.

Eine Frau, die hinter der starken Fassade ängstliche Schwäche verbirgt. Die es nie geschafft hat, dem Puppenheim zu entfliehen. Eine wortlos erstarrte erste Begegnung mit Pastor Manders als Ex-Geliebtem, dessen lebensfeindliche Haltung Götz Argus in einer dröhnenden Suada herausbrüllt. Statt im abgebrannten Kinderasyl der Witwe Alving zu arbeiten, wird Amouk Wageners recht eindimensional verkörperte Regine Puffmutter im Seemannsbordell von Tischler Engstrand (Martin Engler spielt ihn anfangs als Karikatur), dem der tumbe Pastor nichtsahnend seinen Segen gibt.

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