Timo Großpietsch (l.) und Jonas Schreijäg dokumentierten den Einsatz des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3".
+
Timo Großpietsch (l.) und Jonas Schreijäg dokumentierten den Einsatz des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3".

Interview mit den Journalisten

Doku über Sea-Watch hat Chancen auf den Grimme-Preis: "Uns war klar, dass das Thema polarisiert"

  • Heinz-Peter Mohr
    vonHeinz-Peter Mohr
    schließen

Im Marler Grimme-Institut gaben uns die NDR-Journalisten, die den Rettungseinsatz der „Sea-Watch“ im Mittelmeer filmten, ein Interview. Die Jury hat ihre Doku für den Grimme-Preis nominiert.

Im Juni 2019 rettete die „Sea-Watch 3“ mit der deutschen Kapitänin Carola Rackete 40 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Als das Schiff unerlaubt in den Hafen von Lampedusa einfuhr, wurde Rackete vorübergehend verhaftet. Der rechte damalige Innenminister Matteo Salvini bezeichnete sie als „Verbrecherin“. Die NDR-Journalisten Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg waren 21 Tage an Bord des Seenotrettungsschiffs und dokumentierten das Geschehen – auch als Polizisten versuchten, Filmaufnahmen von der Verhaftung Racketes zu verhindern. Ihre wirkmächtig aufbereitete Recherche ist für einen Grimme-Spezialpreis nominiert. Vor allem Nadia Kailouli hatte sich beharrlich dafür eingesetzt, an Bord der Sea-Watch zu drehen, erzählen ihre Kollegen. Im Marler Grimme-Institut sprachen wir mit Autor Jonas Schreijäg und Redakteur Timo Großpietsch über ihren Film. 

Wann und wo wurden Beiträge gesendet? 

Jonas Schreijäg: Wir haben schon auf dem Schiff angefangen. Nadia und ich haben alle möglichen ARD und NDR-Sendungen Fernsehen, Radio, Instagram und Funkkanäle bedient. In „Panorama“ lief ein Beitrag, dann bei Strg F auf Youtube und später kam der lange Dokumentarfilm. 

Gefühle und Fakten trennen

Fast täglich sterben Menschen, weil Rettungseinsätze eingeschränkt werden. Aber Ex-Innenminister Salvini bezeichnet Carola Rackete als Verbrecherin und lässt sie verhaften. Was empfinden Sie, wenn Sie das filmen? 

Timo Großpietsch: Wir müssen das trennen – unsere Gefühle und die Fakten. Unsere Aufgabe ist nicht, selber wütend zu werden, sondern dass der Zuschauer sich selbst ein Bild machen kann, dass er die Fakten, die wir versuchen, neutral darzustellen, bewertet und dann vielleicht handelt.

Grundgesetz als Arbeitsbasis

Brauchen wir nur Dokumentation oder einen Journalismus der Werte? 

Jonas Schreijäg: Wenn es um Menschlichkeit und das Grundgesetz geht, würde ich das zu 100 Prozent unterschreiben, dass wir Journalisten das als Grundvoraussetzung unserer Arbeit wahrnehmen müssen. 

500 Kommentare nach drei Minuten

Was hat Ihr Film bewirkt? 

Timo Großpietsch: Eines der größten Dilemmata ist der Michael-Moore- Effekt: Es gucken leider immer nur Leute, die das eh schlimm finden. Ich freue mich über jeden Zuschauer, der sagt ,Das wusste ich noch nicht’ und den wir zum Nachdenken anregen. Es ist manchmal dramatisch, wie wenig wir Menschen erreichen. Man sieht das bei Youtube: Der Film ist 112 Minuten lang, drei Minuten online – und hat 500 Kommentare. Die Zuschauer sehen Seawatch – aha! – und hauen den Film in die Tonne, ohne sich ein Bild zu machen. 

Standing Ovations im Kino

Ein Baby und humpelnde Menschen werden aus dem Schlauchboot geholt. Flüchtlingsfrauen berichten, wie sie und andere schwangere Frauen vergewaltigt wurden: Wieso empfinden mehr als 500 Youtube-Zuschauer bei solchen Bildern kein Mitleid und disliken den Film? 

Timo Großpietsch: Ich kann nur etwas über die Reaktionen im Kino sagen: Ich habe lange nicht mehr so betroffene Reaktionen gesehen. Die Leute spendeten Standing Ovations – unfassbar. Ich glaube, das Online-Medium ist kein guter Ort, weil da zu viele Gruppen Stimmung machen. 

Jonas Schreijäg: Dass Menschen unseren Film schlecht finden, ist ihr gutes Recht. Uns war klar, dass dieses Thema polarisiert. Aber gerade bei Strg F haben viele Kommentatoren Empathie gezeigt. Das ist eine wertschätzende Community, keine, die in Shitstorms abrutscht.

Früher Sendeplatz wünschenswert 

Zu welcher Zeit wurde die Doku gesendet? 

Jonas Schreijäg: Um 0 Uhr 

Tut das nicht weh? 

Jonas Schreijäg: Dieser Film funktioniert besser in Kinos und online als im linearen Programm. 

Timo Großpietsch: Natürlich wäre ein früherer Sendeplatz wünschenswert. Ich kann aber verstehen, dass Programmmacher auf die Quote schauen. Wir sind in der Mediathek superaufgehoben. Das macht es auch interessant für Schulen und Weiterbildung, weil wir den Film ein Jahr online haben. 

Die Grimme-Preise werden am 27. März im Theater Marl verliehen. Ebenfalls nominiert ist die Redaktion von "Monitor" (WDR) für das hohe Niveau ihrer kontinuierlichen und haltungsstarken Berichte über Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Komet "Neowise" fliegt im Juli über NRW - wie man das Spektakel am Himmel am besten sehen kann
Komet "Neowise" fliegt im Juli über NRW - wie man das Spektakel am Himmel am besten sehen kann
Große Straßensanierungs-Offensive in Waltrop: Die Pläne, die Kosten, der besondere Kniff
Große Straßensanierungs-Offensive in Waltrop: Die Pläne, die Kosten, der besondere Kniff
Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen 2020: So beeinflusst das Coronavirus die Stimmabgabe
Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen 2020: So beeinflusst das Coronavirus die Stimmabgabe
Kita-Plätze sind knapp - da müssen auch ungewöhnliche Lösungen her
Kita-Plätze sind knapp - da müssen auch ungewöhnliche Lösungen her
Landesregierung NRW: Schalke will Bürgschaft - in dieser Höhe
Landesregierung NRW: Schalke will Bürgschaft - in dieser Höhe

Kommentare