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Einen Preis fürs fröhliche Stalken bekommen Jan Böhmermann und sein Team von Grimme-Gala-Moderatorin Dunja Hayali überreicht.

Momente der 55. Gala

Bildungsfernsehen, das Spaß macht

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MARL - Der 55. Grimme-Preis war ein besonders politischer. Das lag nicht nur am Fernsehjahr und den Auszeichnungen, sondern auch an Moderatorin Dunja Hayali.

Das Mikrofon gab sie nicht aus der Hand. Auch sonst behielt Moderatorin Dunja Hayali die 55. Grimme-Preisverleihung im Griff – obwohl sie arg nervös war, wie sie vorher twitterte und dem Theaterpublikum beim Warm up gestand. Nicht jeder Gag zündete am Anfang, doch die Aufregung schwand. Hayali moderierte sich warm, lockte die Preisträger aus der Reserve, informierte pointiert und teilte auch mal frech politische Spitzen aus.

Es war ein Grimme-Preis der klaren politischen Haltung, nicht nur wegen Hayali, auch wegen der Themen. Kaum eine der preisgekrönten Serien, Dokus oder Komödien dieses Fernsehjahrs enthielt sich politischer Kommentare. Alle beleuchteten gesellschaftliche Themen und Konflikte.

Selbst in „Kulenkampffs Schuhe“, der großen, persönlichen Dokumentation von Regina Schilling über das deutsche Unterhaltungsfernsehen der 60er- und 70er-Jahre klang die verdrängte deutsche Geschichte an. Und selbst in der herrlich schrägen Klamotte „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ ging es – auch – um Konsumkritik und Wegwerfgesellschaft. Für Hauptdarsteller Jörg Gudzuhn war es ein Spaß, mitzuspielen: „Der ausschlaggebende Grund war, dass ich meinen zweiten Grimme-Preis haben wollte“, scherzte er. Der erste sei 20 Jahre alt, nicht mehr ganz intakt und leicht angerostet.

Der geballte Hass im Netz

Dann wurde es ernst: Was Zensur und Hass in sozialen Netzwerken anrichten, zeigt die Dokumentation „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ (WDR/Arte) über Moderatoren, die im Auftrag der Internet-Konzerne belastende Terror-Videos und Hass-Kommentare im Netz löschen. 25.000 Bilder täglich kriegen sie nicht mehr leicht aus dem Kopf. „Es hat mich sehr mitgenommen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so was in diesem Ausmaß gibt“, sagte Lena Steege von der Publikumsjury Marler Gruppe.

Was in sozialen Netzwerken bleibt, auch an privaten Peinlichkeiten, führten Grimme-Preis-Abonnent Jan Böhmermann und sein Recherche-Team den Studiogästen von „Lass dich überwachen...“ (ZDF) vor: „Wir haben Sie und Euch alle gestalkt.“

Der wohl bewegendste Moment war der Dank von ARD-Reporterin und Kommentatorin Isabel Schayani. Sie geht dahin, wo die Debatte aufgeheizt ist, spricht offen mit Andersdenkenden, sucht den Dialog auf Augenhöhe: „Der Spiegel, den mir der Grimme-Preis vorhält, indem er mich auszeichnet, ist unheimlich wertvoll und gelebte Demokratie.“ WDR-Intendant Tom Buhrow trieb es Tränen in die Augen.

Spitzen gegen AKK

Zwischen Moderatorin Dunja Hayali und Annegret Kramp-Karrenbauer stimmte die Chemie allerdings nicht. Obwohl beide sich in Frisur und Auftreten ähneln, wie Hayali mit einer netten Spitze anmerkte: „Da muss man aufpassen, dass nicht die Falsche abgeschoben wird!“ Dann allerdings drängte sie die Volkshochschulpräsidentin ausgerechnet bei der besonderen Ehrung unpassend zur Eile. AKK brachte in ihrer Lobrede auf den Punkt, was den deutsch-französischen Sender Arte auszeichnet: „Wir haben aus Europa mehr zu exportieren als gute Waren und Industriegüter, nämlich Werte. Arte ist der beste Beweis, dass Bildungsfernsehen Spaß machen kann.“

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