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Ein starkes Ensemble des Nationaltheaters Weimar: Johanna Geißler, Bastian Heidenreich, Sebastian Nakajew, Nadja Robiné, Isabel Tetzner.

Nationaltheater Weimar zeigt Uraufführung

Ein Kollektiver Ego-Trip

Recklinghausen - Nur drei Buchstaben bilden in der Halle König Ludwig das Bühnenbild: E-G-O. Später krachen die käfigartigen Klettergerüste laut scheppernd zu Boden. Das Ich, um das es in der Uraufführung von Oliver Bukowskis neuem Stück „Verzicht auf zusätzliche Beleuchtung“ geht, fliegt am Ende allen Figuren in ihrem grenzenlosen Egoismus nur so um die Ohren.

Regisseur Stephan Rottkamp hat sich in der Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Nationaltheater Weimar für eine reduzierte abstrakte Deutung entschieden, er setzt ganz auf die Sprache des Dramatikers und auf Intonation, Mimik und Gestik seiner fünf exzellenten Darsteller.

Wie der Autor verzichtet er auf die Psychologie der Figuren – und auf vieles andere: Es gibt keine festen Rollen, keine Musik, keine Requisiten, nur eine graue Einheitskluft für alle. Und am Eingang Ohrstöpsel für die geräuschempfindlichen Zuschauer.

Im Mittelpunkt der Text-Suaden steht Rieke, die Leben spielt, weil die Wirklichkeit sie überfordert. Auf beruflichen Misserfolg und persönliche Isolation reagiert sie mit immer wieder neuen verrückten Ideen, irrwitzigen Ansprüchen, einer unendlichen Wut auf die Welt und zu viel Alkohol. Das Umfeld ist genervt: Tochter Leika hat die instabile Mutter und ihre Moralpredigten lange satt, Mutter Kristin wünscht sich mehr unauffällige Anpassung.

Alle reden eher über als mit Rieke

Nur Freundin Jana sieht das übernatürlich kreative Potenzial von Rieke, wenn die über den demokratischen Aspekt von Bademänteln philosophiert oder mal wieder in Panikattacken verfällt, weil sie einen „physischen Mutismus“ hat, eine Sprachhemmung übersetzt in körperliche Bewegung. Mit ihrem Helfer-Syndrom überredet Jana dann ihren Freund Holger, Rieke in seiner Firma unterzubringen. Aber die vermasselt auch diese Chance.

Mit gewohnt scharfer Zunge verhandelt Oliver Bukowski gleich eine ganze Palette an Gegenwartsproblemen: den Generationenkonflikt, Identitätskrisen, Co-Abhängigkeiten, die Rolle der Geschlechter … All das nutzt auch der Regisseur nur als Folie für sein Hauptthema: Das Fehlen des Wir-Gefühls in der heutigen Ich-Welt. Und die Bereitschaft, sich auf das Andere, Uneindeutige und Verunsichernde einzulassen. Alle Figuren auf der Bühne reden eher über als mit Rieke. Die Schauspieler sprechen viel frontal ins Publikum, umkreisen sich in Machtspielen, Figurenkonstellationen lösen sich direkt wieder auf, ein wirkliches Miteinander findet nur statt, wenn es zum eigenen Vorteil ist.

Es hagelt Vorwürfe, allenfalls vordergründig gut gemeinte Kommentare und in erster Linie persönliche Sichtweisen und Befindlichkeiten, die nicht auf eine Kommunikation zielen und erst recht keinen Widerspruch dulden. Für tief empfundene Empathie und echtes Mitgefühl ist jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder wie Holger um seine Existenz besorgt.

Eine Lösung für das Dilemma bleibt Bukowski schuldig. Am Ende spielt Rieke wieder eine Pennerin. Das kollektive narzisstische Leiden an der ach so ungerechten Welt erträgt sie nur in ihrer falschen Wirklichkeit. Es gab schon stärkere Bukowski-Texte bei den Ruhrfestspielen. Trotzdem: Mit viel Tempo nuanciert gespielt, mutig, dabei schlüssig inszeniert.

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