Erzählt vom Schicksal der inzwischen 93-jährigen polnischen Autorin Zofia Posmysz als jugendlicher polnischer Widerstandskämpferin im KZ Auschwitz: Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“.  Foto: Karl Forster / MIR
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Erzählt vom Schicksal der inzwischen 93-jährigen polnischen Autorin Zofia Posmysz als jugendlicher polnischer Widerstandskämpferin im KZ Auschwitz: Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“. Foto: Karl Forster / MIR

Premiere für „Die Passagierin“ am MiR

Das Grauen auf der Opernbühne

  • vonBernd Aulich
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GELSENKIRCHEN - Berührend, verstörend und beklemmend – ein Meisterwerk von solcher Wucht wie „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg gewinnt sogar auf der emotionsgeladenen Opernbühne Ausnahmerang. Diese Oper ist ein flammender, unter die Haut gehender Appell an das Gedächtnis und das Gewissen der Welt.

Ein Appell, Verbrechen gegen die Humanität, die in deutschem Namen in Vernichtungslagern wie Auschwitz begangenen wurden, als Mahnung zu begreifen. Als die zarte 93-jährige polnische Autorin Zofia Posmysz nach drei Stunden im Großen Haus des Musiktheaters im Revier (MiR) auf die Bühne tritt, gibt es für das Publikum kein Halten mehr. Es erhebt sich geschlossen, um jener Frau Ovationen zu zollen, von deren Schicksal als jugendlicher polnischer Widerstandskämpferin im KZ Auschwitz diese Oper erzählt.

Kann man das Grauen von Auschwitz auf die Opernbühne bringen? In Gelsenkirchen gibt es keine Bahngleise mit Todesrampe, keine Lager-Baracken mit Holzpritschen und keine Verbrennungsöfen wie zur Uraufführung 2010 bei den Festspielen in Bregenz, aus denen Häftlinge die Asche verbrannter Menschen schaufeln. Gabriele Rech setzt die Hölle von Auschwitz am Musiktheater im Revier aus der Distanz als Kopfkino in Szene.

Die Schatten einer Vergangenheit, die nicht vergeht, holen die frühere SS-Aufseherin Anna-Lisa Franz in der Einsamkeit des Meeres wie Erinnerungsfetzen ein, als sie in einer geheimnisvollen Passagierin die tot gewähnte polnische KZ-Insassin Marta zu erkennen wähnt.

Die isländische Mezzosopranistin Hanna Dóra Sturludóttir singt und erspielt diese zwielichtige Partie mit packender Intensität. Und der niederländische Tenor Kor-Jan Dusseljee steht dem nicht nach als deutscher Diplomat Walter, der von den Verstrickungen der Angetrauten nichts ahnt und außer sich gerät, als die Wahrheit Stück für Stück ans Licht kommt, seine Lisa aber sich nicht zu ihrer Schuld bekennt. „Keine Vergebung, niemals“ lautet Martas Credo.

Mit subtilen Facetten setzt die griechische Sopranistin Ilia Papandreou als Marta die Opferperspektive dagegen. Berührend, wie Alfia Kamalovas russische Partisanin Katja, Bele Kumbergers kleine Französin Yvette, Almuth Herbst als gottergebene Bäuerin Bronka, Anke Sieloff als verzweifelte Polin Krystina, Silvia Oelschläger als hoffnungsfrohe Tschechin Vlasta, Noriko Ogawa-Yatake als erstarrte Jüdin Hannah und Christa Platzer als verwirrte Alte sich in den Lagerszenen ihren Träumen hingeben. Und wie Piotr Prochera als Geiger Tadeusz und heimlicher Geliebter Martas im polnischen Widerstand mit der Chaconne der d-Moll-Partita von Bach die Barbarei der SS-Schergen bloßstellt und damit sein längst verfügtes Todesurteil besiegelt.

Die KZ-Szenen in Häftlingskluft (Kostüme: Renée Listerdal) im Resopalholz-Tanzsalon mit Bar ohne verfeinerte Lichtstimmungen (Bühne: Dirk Becker) befremden. Gabriele Rechs Inszenierung verzichtet auf raffinierte Überblendungen wie die Bregenzer Simultanbühne zugunsten einer schlichteren Rahmenhandlung. Mit einem großartigen Chor aus den Rängen gewinnt freilich auch dieser Abend Fallhöhe und Katharsis-Effekt einer griechischen Tragödie. Das verdankt er der bizarren Klangrede der 1968 komponierten Oper, der Weinbergs Lehrer Schostakowitsch bescheinigte, sie enthalte nicht eine einzige leere Note.

Weitere Termine: 5., 18. Februar, 2., 17. März, 2., 23. April. Karten im RZ-, BZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter der Hotline 02 09 / 14 77 999.

Die Neue Philharmonie Westfalen und der finnische Kapellmeister Valtteri Rauhalammi liefern mit dieser sprunghaften Musik, mit heftigsten Tutti-Schlägen, gedehnten Intervallen, folkloristischen Einsprengseln und gespreizten Ostinati ein Meisterstück mit berückender Sogkraft. Dessen Höhepunkt ist der alptraumhaft verzerrte Totentanz einer Fünfziger-Jahre-Gesellschaft, die vergessen will angesichts der Last der Schuld.

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