Ruhrfestspiele: „Geschichten aus dem Wiener Wald“

Wo jeder für sich selbst kämpft

RECKLINGHAUSEN - Ödön von Horváth siedelt seine böse-grausamen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ aus dem Jahre 1931 im idyllischen, ach so gemütlichen Wien an. Später entlarvt er die süße Operettenseligkeit seines bitteren Volksstücks als Tünche für Brutalität und Gemeinheit. In den stillen Biedermeiergasserl wird erpresst, geschlagen, geheuchelt und sogar ein Kind getötet.

In der Deutung von Enrico Lübbe ist von der schönen blauen Donau nur noch eine riesige rostige Doppelwelle (Bühne: Hugo Gretler) übrig geblieben. In seiner Inszenierung für das Berliner Ensemble – am Wochenende mit stehend dargebrachten Ovationen bei den Ruhrfestspielen gefeiert – ersetzt der bedrohlich-schwere Elektro-Sound von Bert Wrede den Johann-Strauß-Walzer. Mit einer klaren, behutsamen Regie-Handschrift konzentriert sich der Nachfolger von Sebastian Hartmann am Leipziger Theater in der abstrakten Szenerie ganz auf die exzellenten Schauspieler und den doppelbödigen Horváth-Text. In wunderbar stillen, ästhetischen Bildern erzählt Lübbe die ergreifende Geschichte von Marianne, die den Metzger Oskar heiraten soll, den sie nicht liebt. Die mit dem Hallodri Alfred durchbrennt, ein Kind bekommt, ganz unten landet und schließlich als lebendige Aktplastik von der Decke baumelt. Die nicht mehr kann am Ende, weil Gott und die Gesellschaft sie im Stich gelassen haben. Den schönen Schein der Vorlage bringt Lübbe schlaglichtartig durch kitschige Postkarten-Motive ins Spiel. Immer wieder arrangiert er sein Ensemble zu neuen Menschentableaus. Licht an, Licht aus. Man lacht, man spricht, frontal zum Publikum, nicht miteinander. Schnell wird klar: In dieser künstlichen Welt kämpft jeder für sich selbst. Nach jeder Szene werden die Figuren eingefroren, um sie herum nur Leere und Dunkelheit. Gerade hat der letzte Blick noch von den vielen Träumen erzählt, da wird das Leben schon wieder ausgeknipst. Die Vorkriegsjahre sind roh, ordinär und unerbittlich. Ein Fehltritt und die abschüssige Rampe führt direkt in den Abgrund. Durch eine feinfühlige Regie geführt, arbeiten die Schauspieler diese Abgründe, die Defizite ihrer Figuren und das Unheimliche in Horváths Sozialdrama über die Desillusionierung des Einzelnen sorgfältig heraus. Johanna Griebel entwickelt sich eindrucksvoll von der naiven Liebenden zur verzweifelten Mutter. Alle anderen, gleichzeitig gut und böse, sind komische Gestalten, die Lübbe in ihrer Lebensgier ganz im Sinne des Autors immer wieder karikiert. Ulrich Brandhoff gibt den Stolzdeutschen Erich mit einem bellenden Kommandoton, Roman Kaminski ist ein rotgesichtiger widerlicher Machovater, und Boris Jacoby versteckt sein wahres, perfides Metzger-Gesicht hinter einer einfältigen Fassade. Und schließlich Angela Winkler als Valerie, so zart und verletzlich und in ihrer erbarmungswürdigen Hilflosigkeit doch so egoistisch und intrigant auf den eigenen Vorteil bedacht. Und nicht zuletzt Gudrun Ritter, das dämonische Großmütterlein, das mit eisiger Konsequenz das ungeliebte Enkelkind tötet und dazu herrlich böse Gift und Galle spuckt. Der Jubel am Ende galt besonders diesen beiden großen Schauspielerinnen.

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