Theater Marl

Springmaus: Ohne Script und doppelten Boden

Marl - „Und jetzt rufen Sie bitte mal alle Ihren eigenen Namen, auf drei – eins, zwei, drei!“ Und das Publikum antwortet der Springmaus-Lautsprecherstimme beim Kabarettfestival der Ruhrfestspiele im Theater Marl etwas zaghaft: „ManfredAgnetaRandolfAngelikaRuthMartinaMareike …“

Was im ersten Warm-Up-Moment noch ausbaufähig klingt, wird während der Show zum Hit: Publikums-Integration gehört zum Impro-, also zum Improvisations-Theater natürlich dazu. Die Leute dürfen, ja sollen, reinrufen. Vier Darsteller der „Springmaus“-Theatergruppe haben nämlich ihre „Juke-Box“ dabei, die gefüttert mit einem wilden Musik-Genre-Mix und den Themenideen der Besucher einen Hit nach dem anderen ausspuckt: Der Rap über den Brexit – auf Finnisch –, die Oper über den Ruhrpottmeister und der Schlager zum Muttertag – alles spontan und schnell gedichtet, zusammengereimt, gesungen, getanzt, gespielt. Auf Zuruf losspielen – das ist extrem coole Schauspielkunst.

Alexis Kara, Sandra Sprünken, Paul Hombach und Marvin Meinold werfen sich die Stichworte aus den Sitzreihen vor ihnen nur so zu, dass es eine Freude ist, greifen Momente aus vorherigen Szenen noch mal auf und vor allem: Sie lassen ausschließlich durch das Mimen verschiedenster Charaktere (und Nacktkatzen) rasend schnell ausgedachte Mini-Plots lebendig werden, quasi komplett ohne Requisiten. Das Publikum jubelt. „Netzwerkdurchführungsgesetz!“ ruft jemand im Publikum – und die Schauspieler nehmen eine Talkshow-Haltung ein – inklusive „Gebärdensprachendolmetscher“.

Alexis Kara als ebendieser überspitzt die Rolle so grandios, dass die Bauchmuskeln vor lauter Lachen zu schmerzen beginnen – die Gesten für „das geht mir am Arsch vorbei“ und „pubertärer Junge“ sind lustig, aber noch witziger wird es, wenn Kara mit den Augen rollt, weil die Vokabeln seiner Kollegen so abgedreht sind, dass er sich verbiegen muss, um sie umzusetzen.

Man merkt: Die Herausforderung, sich gegenseitig immer weiter in die ja nur sekundenlangen Rollen hineinzulotsen, macht allen vieren selbst einen Heidenspaß, nicht nur den Zuschauern.

Wilde Achterbahnfahrt durch die Filmgenres

„Wir lagen vor Madagaskar“ als Mozart-, Johann-Sebastian-Bach-, Reinhard-Mey-, Lindenberg-, Reggae- und Grönemeyer-Remake mit Paul Hombach an Tasten und Mikrofon kommt ebenfalls gut an. Zum Muttertag servieren die Darsteller eine „wilde Achterbahnfahrt“ durch die Filmgenres Drama, Actionfilm, Stummfilm, Horror, und Bollywood. Als es in einem anderen Moment um Anstand geht, spielen die Vier auch zwischen Hochdeutsch und Sächsisch wechselnd – „sozüsaschn üm Sököndentäkt“. Aber dann, nach einem kurzen Interview von zwei Gästen aus dem Publikum – IT-Experte bei der Bundeswehr, Manfred, und Ruth, die in der Verwaltung der katholischen Kirche in Lohmar arbeitet – spielen die „Springmäuse“ deren Leben nach. Mit wechselnden Locations, Szenen, handelnden Personen. Sie bauen Aussagen der beiden in Krimi, Romanze und Komödie ein, ohne Script und doppelten Boden – vom Kennenlernen bei der Altkleidersammlung bis heute. Großartig!

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