Uraufführung

Ein bitterböser Rausch der Bilder

Marl - Es geht zu wie in einem Ameisenhaufen. Auf der Bühne wird hin- und hergeräumt – immer wieder, ziellos und voller Hast. Alle Klarheit ist beseitigt, scheint dieses verwirrte Treiben zu zeigen. Es ist das Vorspiel zu einem grellen und bunten Bilderreigen aus Weltpolitik, düsteren Visionen und Hoffnungslosigkeit. „Die Präsidentin“ kommt als Uraufführung im Kleinen Theater der Ruhrfestspiele auf die Bühne.

Das Theater Magdeburg hat sich eines in Frankreich äußerst erfolgreichen Comicbuchs angenommen. Es entwirft in Schlaglichtern ein Szenario, in dem nicht Emmanuel Macron, sondern die rechtspopulistische Marine Le Pen im Mai des Jahres 2017 die Präsidentschaftswahlen gewinnt.

„Das ist keine Rumräumerei, das ist eine Erzählung“, sagt Corinna Harfouch, als erste Zuschauer unruhig während des endlosen Geschiebes auf ihren Sitzen herumrutschen. „Seid ihr etwa wegen Worten hier?“ Dann endlich kommt der Wahlabend und das Spiel beginnt. Die Schauspielerin wird als zitternde, zappelnde und willenlose Figur zurück ins Rampenlicht getragen. Sie ist „Die Präsidentin“, die sich sehr schnell in eine eiskalte Politikerin verwandelt, um Frankreich nach der Wahl radikal zu verändern.

„Wahnsinn! Gerade einmal seit zwei Stunden ist sie gewählt und schon sind wir im Bürgerkrieg“, jubelt einer angesichts der Proteste gegen Le Pen.

Nato-Ausstieg, Abkehr vom Euro, Frexit und nicht zuletzt sofortige Ausweisung aller „illegalen“ Ausländer nimmt die Regentin mit der Pappkrone auf dem Kopf rasant in Angriff. Mittlerweile ist sie mit dem Farben Frankreichs geschminkt und schafft sich mit ausladendem Reifrock Platz. Sie palavert in der Fernseh-Talkshow, schwadroniert über die Liebe zu ihrem Land und stößt mit Champagner auf ihre großen Erfolge an. Regisseurin Cornelia Crombholz macht aus der Comicvorlage einen atemlosen Rausch der Bilder. Er streift viele Facetten von Machtrausch, populistischer Politik, internationalen Krisen, Not und Angst um die Zukunft der Welt wie bei einer Fahrt auf der Achterbahn. Was nicht mit musikalischer Begleitung auf der Bühne gezeigt werden kann, wird in Videos noch hinzugefügt.

Machtrausch,Populismus, Terror, Not und Angst

Es gibt Anspielungen auf aktuelles Geschehen, den Terror auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, die Axt-Attacke im Regionalexpress, und auf die globale Angst vor dem Fremden. Das ganze Stück steckt voller Symbolik, es gibt antike Chöre, der Clown verwandelt sich vom komischen Verführer zur tragischen Figur.

„Präsidentin“ Corinna Harfouch wird im gestreiften Anzug zur aalglatten und skrupellosen Machtpolitikerin, die ein willfähriges Gefolge hinter sich bringt. Sieben Schauspieler des Magdeburger Ensembles treten als Ministerriege, dann als willfährige Lakaien auf, um gleich darauf den Protest gegen diese Präsidentin zu personifizieren. Und die Kamera ist immer dabei. „Unser Gott ist eine Frau“, klagt eine Gruppe halbnackter Männer zaghaft. Ein unsichtbares Komitee erledigt den Abgesang auf die Zivilisation.

Am Ende geht das Schiff unter, die Präsidentin dankt ab. Die potenzielle Nachfolgerin (Antonia Schirrmeister) steht schon bereit.

Doch auch Corinna Harfouch kommt noch mal zurück. Als Sängerin, die nicht singen kann, wird sie abermals von der Bühne getragen. Nach diesem furiosen und bitterbösen Bühnenabenteuer muss das Publikum erstmal Luft holen – und spendet freundlich Applaus.

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