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Susanne Bredehöft (l.) und Brigitte Urhausen.

"Wilhelm II"

Ein schräger Blick auf einen schrägen Kaiser

Recklinghausen - Der letzte deutsche Kaiser ist bei den Ruhrfestspielen im Marler Theater eine Frau, hackt Holz und singt. Der Tod hat derweil rot lackierte Nägel, trägt Uniform samt Pickelhaube und stimmt gerne einen harten Rap an: Zu wummernden Bässen besingt er „Wilhelm Imperator Rex“. So beginnt „The crazy antiwar history rallye – Wilhelm II“ von Wolfsmehl alias Michael Kumeth.

Mit der grotesken Story um den letzten deutschen Kaiser hat Intendant Frank Hoffmann – 100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges – mal wieder eine gewagte Uraufführung zu den Ruhrfestspielen geholt.

Schon der Inhalt ist schräg: Der Strafe für millionenfaches Kriegsschlachten entkommt Wilhelm II in einem holländischen Schlösschen, das er von Audrey Hepburns Tante erwarb. Ausgesperrt aus der Geschichte bleibt ihm nur der 35 Hektar große Park mit alten, majestätisch hohen Bäumen, die er Tag um Tag die letzten 20 Jahre seines Lebens zu Kleinholz schlägt. Holzhacken als Psychotherapie! Mit dem Tod geht der Kaiser sogar eine Wette ein: 88 Stämme an einem Tag zu zersägen: Wenn er diesen Rekord schafft, steht seiner Rehabilitation und blutigen Rückkehr nach Berlin nichts mehr im Weg – dann herrscht „nimmersatt Krieg“. Wenn nicht, gehört Wilhelms Seele eben Gevatter Tod, hervorragend gesungen übrigens von Uli Pleßmann.

Kurioser wird das Ganze noch durch Wilhelms einzigen treuen Begleiter, den ehemaligen Generalstabshauptmann Sigurd von Ilsemann, gerne auch Ilsemännchen genannt. Der schafft es nicht, die benötigte Kreissäge für die Wette zu besorgen und muss nun bei „Unserer Deutschen“ (Brigitte Urhausen) um weiches Holz bitten. Denn „Unsere Deutsche“ liefert täglich Nachschub, um mit dem Holzbringerlohn sich und ihren durch Krieg missgebildeten Sohn durchzubringen.

Wolfsmehl zeichnet seinen Protagonisten aber nicht nur als Despoten, der sein Volk in den Krieg führte, aber selbst abtauchte. Er zeigt ihn auch als geschunden Kinderseele, die ihr Naturell nie ausleben durfte. Susanne Bredehöft, sei gut für die Rolle geeignet und könne sehr gut singen, begründet Wolfsmehl seine Motive, den Kaiser mit einer Frau zu besetzen. Und tatsächlich: Mit seinem verkrüppelten Arm und den Minderwertigkeitskomplexen auf der einen und dem Machtgehabe auf der anderen Seite kann der ambivalente Wilhelm II von einer Frau wohl überzeugender dargestellt werden als von einem Mann. Jedenfalls gibt Bredehöft auf der Bühne wirklich alles, und das sehr überzeugend. Dennoch will der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen. Was schade ist.

Karten zu den Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in den Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter Tel. 0209/1477999.

Denn um auch jüngere Theatergänger anzusprechen, solche etwa, die Wilhelm II nur als komische Figur aus den Geschichtsbüchern kennen, entgeht Wolfsmehl der Belehrungsfalle mit feinem historischen Gespür und geschickt-spritzigen Dialogen sowie fetzig-schräger Musik. Dem dunklen, düsteren Stoff um den letzen deutschen epochalen Kaiser setzt er bewusst einen verrückt-modernen Kontrapunkt entgegen. Die Idee ist so abgefahren gut, so erfrischend anders, dass es eigentlich krachen müsste auf der Bühne. Dennoch wirken die Darsteller seltsam verhalten, ja blutleer und bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Wohltuende Ausnahme ist Brigitte Urhausen. Und etwas mehr Rock statt Blues und Country hätte sicher auch gut getan. Vom nicht zahlreich erschienenen Publikum gab es nur mäßigen Applaus.

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