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Peter Lindbergh (Archivbild 2017).

Nachruf

Nachruf auf Peter Lindbergh: Echte Momente in der Welt der Supermodels

Peter Lindbergh porträtierte seine berühmten Motive so ungewöhnlich, dass man manchmal zweimal hinschauen musste. Ein Nachruf auf den Fotografen.

Das Modemagazin war sein Medium, die glatte Oberfläche trotzdem nie sein Geschäft. Wer zu Peter Lindbergh kam, wollte etwas anderes als das, was die hochglänzenden Seiten vor und hinter seinen Strecken füllte. Während Steven Meisel politisierte Modestrecken schoss, David LaChapelle krachbunte Welten inszenierte, Terry Richardson Trennlinien zwischen Pornografie und Modebild verstörend neu zog, während die Fotografen um ihn herum immer lauter zu werden schien, wurde Lindbergh zwar nicht leiser. Er blieb aber dem treu, was er in den mehr als 40 Jahren seiner Karriere geschafft hatte: der künstlichsten aller Künste Natur zu infizieren.

Die Ruhe bewahren, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, festhalten an dem, was ihn und die Betrachterinnen und Betrachter seiner Bilder bewegte, ohne sich den Trends der Technik zu ergeben – mit Kulturpessimismus hatte das nichts zu tun. Selbst das Aufkommen der Smartphonefotografie konnte Lindbergh, der 1944 im heute polnischen Leszno geboren wurde und in Duisburg aufwuchs, nicht in Rage versetzen. „Bessere Bilder als ein Smartphone kann ein Fotograf nicht machen. Von dieser Leichtigkeit kann man viel lernen“, sagte er in der Münchner Kunsthalle, auf der Eröffnung einer seiner Ausstellungen, von denen es viele gab, im Londoner Victoria and Albert Museum, im New Yorker Metropolitan Museum of Art, im Puschkin-Museum von Moskau.

Peter Lindbergh: „Auch Modefotografen haben ja eine Art von Verantwortung“

Sprechen kann so freilich nur*, wer nichts zu fürchten hat. Nicht die neuen Technologien, die neuen Generationen, das Neue an sich. 2017, im Jahr der Münchner Schau, hatte Lindbergh längst alles erreicht. Er hatte, viele Jahre nachdem er freie Malerei an der Kunsthochschule in Krefeld studiert hatte, nicht nur für die namhaftesten Modemagazine der Welt fotografiert, für internationale Ausgaben der „Vogue“, der „Harper’s Bazaar“, der „GQ“, für andere Zeitschriften wie „Vanity Fair“ und „Rolling Stone“ zudem. Peter Lindbergh hatte die Prämissen der Mode infrage gestellt, dabei ganz eigene Phänomene geprägt.

Als die legendäre Chefredakteurin Anna Wintour* im November 1988 die erste amerikanische „Vogue“ unter ihrer Leitung vorstellte, war es Lindbergh, der das Titelbild schoss. Zu sehen war nicht nur zum ersten Mal eine Jeanshose auf einem Hochglanzcover, sondern auch ein breites Grinsen, zusammengekniffene Augen, ein echter Moment in einer Modewelt, die sich bis dahin um echte Momente kaum scherte. Sommersprossen, Unebenheiten, Falten, Fältchen – all das durfte nicht nur, es musste fortan Inhalt von Lindberghs Schwarz-Weiß-Bildern werden. „Auch Modefotografen haben ja eine Art von Verantwortung“, befand er. „Durch Photoshop lässt sich heutzutage jeder Gedanke, der sich einmal in einem Gesicht manifestiert hat, wegretuschieren.“ Dieser Idee der neuen Schönheit wolle er sich mit einer Mäßigung, manchmal einem Verzicht auf Retusche entgegenstellen. Was nie bedeutete, dass Lindbergh und seine Arbeit zum Störfaktor in der Modeindustrie wurden.

Maßgeblich formte Lindbergh schließlich die Szene der 1990er mit. Gleich im ersten Monat dies neuen Jahrzehnts veröffentlichte die britische „Vogue“ jenes sensationelle Cover, dass Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford* und Christy Turlington erstmals gemeinsam zeigte. George Michael fühlte sich inspiriert die Mannequins für sein Musikvideo zu „Freedom ’90“ zu engagieren, Gianni Versace schickte sie wenig später gemeinsam über den Mailänder Laufsteg, bald schon konnte sich Evangelista jenen legendären Satz leisten, der fortan wie eine Überschrift über der „Ära der Supermodels“ klebte: „Für weniger als 10 000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf.“

Peter Lindbergh war einer der Urheber einer natürlicheren Mode-Porträtfotografie

Es ist aber nicht nur die Stilisierung des Models zum Superstar, die Erfindung einer völlig neuen Ikone, für die Lindbergh verantwortlich zeichnete. Auch die Erzählstruktur der Modefotografie entwickelte er vollkommen neu. Wenn besagte Fotografen wie Meisel oder LaChapelle heute mit ihren Bildern Geschichten erzählen, wenn nunmehr die Mode der neuen Saison in einem Narrativ inszeniert, das Modemagazin fast cineastisch präsentiert wird, dann ist das auch eine Reminiszenz an Lindberghs Arbeit. Für die italienische „Vogue“ fotografierte er 1990 eine ikonische Strecke, die Helena Christensen mit einem Außerirdischen zeigt. Auf den Bildern führt die Schöne das Marsmännchen durch die Wüste – das Storytelling innerhalb der Modefotografie war geboren.

Dass mit Modebildern nicht immer auch Geschichten erzählt wurden, mag in Vergessenheit geraten sein. Dass Lindbergh einer der Urheber einer natürlicheren Mode-Porträtfotografie war, für die allenfalls auch Annie Leibovitz und Helmut Newton Patin und Pate stehen, weiß heute selbst der Modelaie. „Nur wenn man die Courage hat, man selbst zu sein, ist man auch wirklich schön“, sagte Lindbergh einmal. Und sich nahezu ungeschminkt vor die Kamera zu setzen, das mag die vielen Schauspielerinnen und Schauspieler, Künstlerinnen und Künstler tatsächlich Mut gekostet haben.

Von Catherine Deneuve bis Cat Blanchett - beruhigte Stars vor Peter Lindberghs Linse

Zu wissen, wer da durch die Linse blickt, wird sie alle beruhigt haben, Catherine Deneuve und Charlotte Rampling etwa, Mick Jagger und John Malkovich, Jessica Chastain, Julianne Moore, Cate Blanchett, Jeanne Moreau. Denn auch wenn es Lindbergh nie um perfektionierte Körper ging – eine ausnahmslos perfekte Beleuchtung und ein Gefühl für den perfekten Moment gehörten immer zu seinem Repertoire. Großes Aufsehen erregte Lindbergh, der am Dienstag im Alter von 74 Jahren verstarb, zuletzt mit seinem September-Cover für die britische „Vogue“, das 15 starke Frauen zeigt, darunter die Klimaaktivistin Greta Thunberg, Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern und die transsexuelle Schauspielerin Laverne Cox. Auch sein Titelbild für die Januarausgabe der deutschen „Vogue“ dieses Jahres löste Begeisterungsstürme, mancherorts aber auch Entrüstung aus.

Für das Magazin hatte Lindbergh Helene Fischer fotografiert, nahezu ungeschminkt, kaum retouchiert, natürlich. „Mir war klar, dass das, was wir da gemacht haben, auch vielen nicht gefallen wird“, sagte „Vogue“-Chefin Christiane Arp damals der FR*. Schließlich stünden die Fotografien dem gegenüber, wofür die Sängerin bekannt ist, den pyrotechnischen Bühnenshows, den lasziven Kostümen, den glattrasierten Texten. Dass Lindbergh mit seinen Bildern immer wieder hinter diese Oberflächen blicken ließ, auf Menschen und Makel, war seine ganz eigene Kunst. „Was mich interessiert“, sagte Peter Lindbergh einmal, „ist diese gewisse Wirklichkeit hinter der Fassade.“

Von Manuel Almeida Vergara

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks.

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