+
Rosenverkäufer Ahmed (l.) bei „What is the city but the people?“ auf dem Rathausplatz.

150 Bürger stehen im Rampenlicht

Ein Rosenverkäufer auf dem Laufsteg des Lebens

  • schließen

Recklinghausen - Wer kennt ihn nicht, den freundlichen Mann, der Abend für Abend mit seinem Rollator durch die Kneipen und Restaurants der Stadt zieht und seine Rosen anbietet. Dass er Ahmed heißt, 1981 aus Pakistan nach Recklinghausen kam und eine große Familie mit neun Enkelkindern hat, erfuhren am Samstag rund 2000 Menschen auf dem Rathausplatz.

Mit einem fast 60 Meter langen Laufsteg bereiteten die Ruhrfestspiele Herrn Ahmed und 149 anderen Recklinghäusern eine große Bühne.

Nach dem kurzen Gastauftritt des Winters vertreiben die pulsierenden Elektrobeats von DJ Moguai die letzten Wolken. Das Wetter gibt sich launisch. Alles wie im richtigen Leben. Und genau darum geht es. Gut eine Stunde lang flaniert das pralle Leben an den jubelnden und winkenden Zuschauern vorbei und macht die Deutschlandpremiere von „What is the city but the people?“ nach einer Idee von Jeremy Deller zu einem bunten Gute-Laune-Stadtporträt. Regisseur Richard Gregory zoomt stadtbekannte, aber auch viele unsichtbare Gesichter mit ihren Geschichten ins Rampenlicht. Jeder Einzelne auf der Bühne macht die Ruhrfestspielstadt unverwechselbar, lebenswert und stark. Großformatige Bilder und kurze Textporträts begleiten das Kaleidoskop der Vielfalt auf zwei großen Leinwänden.

Da ist zum Beispiel Rita, die Frau und Vater ist und den Christopher-Street-Day nach Recklinghausen geholt hat; die gute Seele Petra, tagsüber Bankkauffrau und nachts ehrenamtliche Helferin bei der Telefonseelsorge; Malick, der in Deutschland untergetaucht ist und wie viele andere hofft, in Recklinghausen bleiben zu dürfen; Bürgermeister Christoph, der sich erst auf den zweiten Blick in Recklinghausen verliebte und jetzt auch gar nicht mehr weg will. Aber auch Rudi, der letzte Pferdejunge auf der Zeche König Ludwig; Emily, ihre Heimat ist Kenia, ihr Zuhause Recklinghausen; oder Jan, der nach Jahren auf der Straße über das Gasthaus wieder eine Wohnung gefunden hat.

Allesamt Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe oder Religion, mit ihren Narben und Verletzungen, mit großen Sorgen und großen Glücksgefühlen, die der Ruhrfestspielstadt Recklinghausen ihr Gesicht geben.

Taubenzüchter Friedhelm, für den der Schlag die größte Freiheit bedeutet, lässt einige seiner Tiere fliegen. Mit Angelika, die ihr Blind-Date Gusti zum ersten Mal mitten auf dem Laufsteg trifft und küsst, wird es schön kitschig. Friedrich und Ursula, die sich im Alter gefunden und erst vor vier Tagen geheiratet haben, sorgen mit Brautstrauß für den romantischen Touch. Aber auch Verlust und Trauer und das Tabuthema Totgeburt bekommen eine Bühne.

Feuerwehrleute und Taucher laufen in voller Montur über den Laufsteg; Basketballer, Tänzer und Cheerleader bringen Bewegung ins Spiel. Kleine Fortsetzungsgeschichten wie die von Kenan, der auch nach einer schrecklichen Flucht-Odyssee noch an den Zauber des Lebens glaubt, bilden den dramaturgischen Rahmen. Eine wunderschöne, berührende und lebensbejahende Hommage an Recklinghausen und seine Bürger, die definitiv mehr Zuschauer und mehr Frühling verdient hätte.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Rettungsaktion: Diese niedlichen Kätzchen steckten in fünf Metern Tiefe fest
Rettungsaktion: Diese niedlichen Kätzchen steckten in fünf Metern Tiefe fest
Marl: Neuer Glanz für das Shoppingcenter - Wiedereröffnung statt Leerstand
Marl: Neuer Glanz für das Shoppingcenter - Wiedereröffnung statt Leerstand
18-Jährige zu Boden gedrückt und an die Brust gefasst - zweiter Vorfall in kurzer Zeit
18-Jährige zu Boden gedrückt und an die Brust gefasst - zweiter Vorfall in kurzer Zeit
Katzen im Kanalschacht, Rosin in Hamburg, Kreispokal im Liveticker
Katzen im Kanalschacht, Rosin in Hamburg, Kreispokal im Liveticker
Schalke vor Miranda-Transfer - Terrier als weitere Option, Mendyl nach Dijon, Insua bleibt in Huesca
Schalke vor Miranda-Transfer - Terrier als weitere Option, Mendyl nach Dijon, Insua bleibt in Huesca

Kommentare