„Das Heerlager der Heiligen“

Ein Theaterabend der Extreme

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Recklinghausen - Der französische Autor Jean Raspail zeigt in seinem Buch „Das Heerlager der Heiligen“ aus dem Jahr 1973, wie eine Armada der Armen zum Untergang Frankreichs führt. Das Schauspiel Frankfurt will die Geschichte auf der Theaterbühne aus dem Zugriff rechtsnationalen Denkens befreien. Die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen wurde zu einem Theaterabend der Extreme.

Endzeitstimmung herrscht an der Tafel in der Villa des alten Professors an der französischen Küste. Vor dem flackernden Kamin richtet Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer ein apokalyptisches Abendmahl an. Im „Heerlager der Heiligen“ wird zum Abgesang auf die Zivilisation aufgetischt. Die letzten Franzosen haben sich in einer noblen historischen Villa verbarrikadiert, während direkt vor der Südküste Frankreichs 800.000 Lebende und Tote auf rostigen Schiffen die Grenzen des Abendlands belagern. Sie sind vor einer Hungersnot in Indien geflüchtet.

In seinem Buch „Das Heerlager der Heiligen“, erschienen 1973, beschreibt der heute 94 Jahre alte französische Autor Jean Raspail ein entsetzliches Szenario aus Elend und Perspektivlosigkeit. Sein Werk gilt als visionär, weil es auf drastische Weise Konflikte aufzeigt, die durch massenhafte Einwanderung entstehen. Und scheint eben darum auch als Unterfütterung nationalen Gedankenguts geeignet. Mit der 2015 im dem als Forum für rechte Vordenker geltenden Anthaios Verlag erschienen Neuauflage gelangte sein Buch in die Bestseller-Listen. Das Schauspiel Frankfurt kommt mit einer eigenen und vom Autor genehmigten Neu-Übersetzung auf die Bühne. Aus den 50 Kapiteln des Romans haben Dramaturgin Marion Tiedke und Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer 100 Minuten Theater gefiltert. Sie beschränken sich auf eine Schlüsselszene. Wie zum letztes Abendmahl versammeln sich der französische Präsident, Minister, Stabchefs und Präfekten am Tisch des alten Professors (Michael Schütz), der die Schiffe vor der Küste von seiner Villa aus entdeckt hat. Katharina Bach, Daniel Christensen, Stefan Graf Xenia Snagowski und Andreas Vögler bleiben im Stück namenlos.

Sie müssen als Zerrbilder für eine unmenschliche Zivilisation herhalten, werden auf unterschiedliche Weise zu widerwärtigen Fratzen und bemitleidenswerten Kreaturen stilisiert. Und erfüllen diese Herausforderung mit Bravour. „Once upon a time“ steht als plakative Überschrift zum finsteren Märchen auf einem Banner über der Bühne. Die Vielschichtigkeit des Stücks verdiene Betrachtung, so hatte Marion Tiedke vor der Aufführung betont. Doch nicht selten verliert sich die Inszenierung in krassen Bildern und effektreichen Schlaglichtern. Es fließt Blut, kübelweise werden winzige Püppchen auf der Bühne zu „Leichenbergen“ aufgeschüttet. Der Wohlstand verschlingt gnadenlos auch die Kinder der Armut. Auf der Großleinwand flimmert das Meer blutrot. Angesichts der erschreckenden Brutalität möchte man sich oft mit Grausen abwenden.

Das Stück ist voll mit Metaphern und Zitaten – von der Offenbarung des Johannes im Alten Testament bis zu Heiner Müllers „Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich leben kann in meiner Scheiße“ oder dem skeptischen Blick von Alt-Kanzler Helmut Schmidt auf eine explodierende Weltbevölkerung und wachsenden Migrationsdruck auf Europa.

Es gibt – der Aktualität geschuldet – Anspielungen auf die für ihr Werben um Toleranz von Rechten gescholtene Fernsehmoderatorin Dunja Hayali. Das Foto des ertrunkenen kleinen Flüchtlingsjungen, das um die Welt ging, spielt auf Betroffenheitsjournalismus an. Er ruft Emotionen hervorruft, die wieder verhallen, wenn die nächsten Schlagzeilen am Medienhorizont auftauchen. Zum Ende sind es die aktuellen Fernsehbilder der brennenden Kirche Notre Dame in Paris auf dem Bildschirm.

Die Welt dreht durch – was in Raspails Romans an anderer Stelle so beschrieben wird, wie es mit der sogenannten Flüchtlingskrise ab 2015 in Deutschland als „Willkommenskultur“ gewachsen ist. Menschlichkeit, Integrationsversuche bleiben im Stück weitgehend außen vor. Es fehlt der Aufstand der als billige Arbeitskräfte ausgebeuteten Migranten.

Karten zu allen Veranstaltungen der Ruhrfestspiele 2019 gibt es in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber ganz einfach unter 0209 1477999.

Viele Effekte dagegen werden bis zur Erschöpfung ausgereizt. Das macht den Abend eindringlich, ist aber gleichzeitig auch seine Schwäche. In der letzten Szene wird wild geschossen – ein sinnloses Gemetzel als Schlussakkord für diesen grenzenlosen Pessimismus. Am Ende gab es langen, aber verhaltenen Beifall.

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