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Die Ausweglosigkeit hat in diesem Totentanz viele Gesichter.

Hofesh Shechters "Grand Finale"

Der letzte Totentanz in den Abgrund

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Recklinghausen - Auf der Bühne im Ruhrfestspielhaus herrscht Endzeitstimmung: Nebel wabert durch das Dunkel, schwarze Wände tauchen im diffusen Licht auf. Das Gefühl der Beklemmung und Bedrohung wird in den nächsten 100 Minuten nicht abreißen. Es gibt kein Zurück, die brutale, rohe Welt, die Hofesh Shechter in „Grand Finale“ beschwört, steht kurz vorm Kollaps; seine Tänzerinnen und Tänzer schickt der israelische Star-Choreograf in einem kollektiven Taumel erbarmungslos mitten in die Katastrophe.

Zwei Abende lang gastierte die Londoner Compagnie mit ihrer international umjubelten Produktion bei den Ruhrfestspielen. Der Sog der brachialen Bilder und surrealen Szenen ist von der ersten bis zur letzten Sekunde enorm. Die Angst vorm Untergang treibt die zehn exzellenten Tänzer von einer menschlichen Emotion in die nächste: Mal wirkt die Masse mit schlaksigen Bewegungen pseudofröhlich und überdreht, im nächsten Moment wird der Ton ruppig und jeder scheint gegen jeden martialisch aufeinander loszugehen, um sich dann wieder gemeinsam anarchisch am Abgrund aufzubäumen, bis die Leiber zu einem großen Leichenhaufen aufgetürmt werden. Angriffs- und Verteidigungsmodus wechseln blitzartig.

Die Ausweglosigkeit hat in diesem Totentanz viele Gesichter: Sie lässt die Körper hüpfen und stampfen, bis sich die Menge wie ferngesteuerte Zombies bis zur schieren Erschöpfung in Trance zuckt; sie macht bewegungsunfähig, wenn die Frauen beim Walzer aus der Umarmung rutschen und Körper wie schlaffe Puppen über die Bühne gezogen, verdreht und verbogen werden; sie schafft aber auch wunderschöne innige Momente, wenn Paare sich zärtlich berühren und jeder Halt sucht in der zerfallenden Gemeinschaft.

Ein starkes Bild gelingt, wenn der Blick der Tänzer plötzlich ohnmächtig ins Leere geht, wenn die Münder wie totenstarr weit geöffnet sind und die Fratze der Verzweiflung ihr grässliches Gesicht zeigt.

Mit seiner kongenial abgestimmten Musik führt der ausgebildete Pianist und Schlagzeuger Hofesh Shechter das Publikum durch die abrupten Stimmungswechsel: Die melancholischen Klänge des kleinen Live-Orchesters gehen immer wieder in wummernden Elektrosound-Explosionen unter. Arabische Trommeln und Kleszmermusik treiben ausgelassene folkloristische Sequenzen an. Die Musiker im Frack rücken manchmal ganz nah an das Geschehen heran, kommentieren den Untergang wie das Salonorchester auf der „Titanic“. Kurz vor der Pause, als sie einen Walzer aus Léhars „Lustiger Witwe“ anstimmen und Seifenblasen vom Himmel schweben, keimt Hoffnung auf …

Doch weit gefehlt. Im zweiten Teil lässt Shechter die Raumteiler von Bühnenbildner Tom Scutt, die mal Schutzmauer, mal Tunnel, mal Gefängnis waren, zum engen, unentrinnbaren Bunker zusammenrollen. Schlaglichtartig tauchen im Finale noch einmal alle Endzeitbilder auf: ein letzter Kuss, der letzte Moment vor der Exekution, das letzte Gebet, Leichen… Dann wird es dunkel. Stille.

Ein paar Sekunden hallt das apokalyptische Schlussbild noch nach, bis es die Zuschauer von den Stühlen reißt und der Jubel kein Ende nehmen will. Grandios! Ein Highlight im diesjährigen Festival! Wie tief bewegend der Abend war, zeigt sich einige Zeit später draußen im Biergarten: Als sich die Tänzer und Musiker auf den Heimweg machen, brandet der Beifall erneut auf.

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