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Auf Millionen Weizenkörnern sowie Sitzen und Samtkissen finden sich Erzähler Abhishek Thapar und dein Publikum ein.

Kindheit in Punjab als berührende Performance

Abhishek Thapar kehrt zur „Heimat an der Kreuzung“ zurück

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Recklinghausen - Die Heimat, die Kindheit von Abhishek Thapar schmeckt wie salzige Zitronenkrümel. Vor der Tür zum Jupiterraum des Ruhrfestspielhauses hält er ein Einmachglas, gefüllt mit schwarzer Paste, öffnet es vorsichtig und berichtet: „Das sind in Salz eingelegte Zitronen, die hat mein Großvater gemacht. Das ist das letzte Glas, das existiert. Und es war 27 Jahre lang verschlossen, versteckt.“

Er zählt die Zuschauer und hebt mit einem Löffel eine kleine Menge auf ein Holzbrett – genug für alle, jede und jeder darf probieren. Ein emotionaler Impuls – Fremde schauen einander fragend an – geht als ein unhörbares Raunen durch den Korridor: „Aber dann bleibt doch eines Tages nichts mehr des Geschmacks der Erinnerung an seinen Großvater.“ Sanftes Nicken des Theatermachers ermutigt dennoch zum Probieren, Schmecken – zum Teil der Geschichte werden.

Auf Millionen Weizenkörnern, nur wenigen Sitzreihen und einigen Samtkissen finden sich Erzähler und Publikum ein, alle barfüßig und letzteres von Thapars Ruhe unmittelbar angesteckt. Es ist seine Lebensgeschichte, die er inszeniert, verwoben mit der politischen Geschichte der Region Punjab, es ist die Geschichte eines zerstörten Goldenen Tempels in Amritsar und verlorener Heimat, die Geschichte von Flucht und Angst. Aber es ist auch die Geschichte einer liebevollen Familie, von Wünschen und Träumen eines kleinen Jungen, dem alle bei Kostüm- und Rollenzusammenstellung helfen, als er in der neuen Schule Eindruck schinden möchte und für den Theaterwettbewerb ankündigt: „Ich will einen Terroristen spielen.“

Über diese Rolle findet Abhishek Thapar zu den Ereignissen in Punjab Mitte der 1980er-Jahre, kurz vor seiner Geburt, streicht Grenzen und Plätze in den Weizen, stellt einen kleine Version des Tempels aus Papier auf und zerknüllt sie, lässt über Filmsequenzen seine Eltern zurückkehren an Orte der Erinnerung.

In dem Moment als er von seinem besten Freund berichtet, der beim Versteckspiel für immer verschwand, wirft er mit der einzigen schnellen Bewegung des Abends ein Weizenkorn hinter sich. Für diese Inszenierung hat er seine Familie das Haus noch einmal einrichten lassen, obwohl es nicht mehr steht, Möbel und Bilderrahmen werden arrangiert, auf einem Feld. Man sieht es im Film. „Das hat nur die Kamera möglich gemacht. Wir konnten nicht an den exakt gleichen Ort zurückkehren, wo unser Haus stand, das wäre zu schmerzhaft gewesen. Mein Vater hat gesagt: ,Wir machen das nicht, um uns zu erinnern, sondern um uns zu vergewissern, dass wir vergessen haben’.“

Filmaufnahmen, Fotos und kleine Modelle

Die Filmaufnahmen, die eingelegten Salzzitronen unter einem Mikroskop, Nachrichten-Ausschnitte auf einer zweiten Leinwand, Fotos und kleine Modelle sind die Stützen Thapars Geschichte, die er mit einer Ausgeglichenheit – oder ist es Melancholie? – verbindet, die feinen Humor durchblitzen lässt, und manchmal kontrollierte Wut. „Als mein Großvater starb, verschwand das Glas mit den eingelegten Zitronen, von denen ich immer genascht habe, wenn ich aus der Schule kam.“

Als er es 27 Jahre später wiederfindet, fragt er sich: „Soll ich die essen oder soll ich das Glas verschlossen im Regal stehen lassen?“ Er entschied sich für eine dritte Möglichkeit: Zu teilen. Seine Zitronen. Seine Geschichte.

Aktuelle Infos zu den Ruhrfestspielen, Berichte, Kritiken und Videos sowie alle Termine auch unter www.vestivalplus.de

Karten zu Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter Tel. 02 09 / 14 77 999.

Die Zuschauer werden durch die Aufnahme des Geschmacks, den man nicht mehr vergisst und noch am nächsten Tag fühlen kann, zum Teil seines Lebens und seiner Erinnerung. Was ein Geschenk! Im Anschluss an die Performance gefragt, was passiere, wenn das Glas eines Tages leer sei, ob es dann ein natürliches eintretendes Absetzen des Stücks gäbe, antwortet Abhishek Thapar schlicht: „Ja. Dann beende ich diese Inszenierung.“ Aber die geteilten Erinnerungen leben im Publikum weiter.

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