+
Nelago Shilongo.

Künstlerkollektiv in der Halle König Ludwig

OWELA-Festival : Von Völkermord und der Zukunft der Arbeit

  • schließen

Recklinghausen - Völkermord verjährt nicht. Lüderitz. Es sind Schriftzüge wie diese, die als Fotos an einer Wand in Halle König-Ludwig 1/2 hängen – als Anklage schwarzer Künstler, als Anprangern der vernichtenden deutschen Kolonialzeit in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen afrikanischen Namibia.

Damals, 1884, wehte die Reichsflagge in der Angra-Pequeña-Bucht, in der eine Stadt wuchs, die bis heute Lüderitz heißt. Als dort die Herero, neben Damara, Ovambo und Nama eine der größten Ethnien Südwestafrikas, 1904 rebellierten, erteilte Generalleutnant Lothar von Trotha seinen berüchtigten Vernichtungsbefehl: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.“ Schätzungen zufolge starben bis zu 80.000 Herero, etwa 10.000 Nama und knapp 1400 deutsche Soldaten und Siedler. Diese Geschichte sollte man kennen, wenn man aktuell das OWELA-Festival innerhalb der Ruhrfestspiele bestaunen möchte.

OWELA, das ist eigentlich der Name für ein Lochspiel, das in Namibia in der freien Zeit, in den kurzen Pausen vor und nach der Arbeit gespielt wird. Es steht für eine andere Zeit. Eine Zeit, die immer kürzer wird angesichts unseres ständigen Strebens nach „mehr, höher, weiter“. Jeder Schritt geht nach vorne, beinhaltet Verbesserung, Erfolg, Modernisierung. Doch kann das gut gehen? Das Kaleni Künstlerkollektiv, das als Gruppe kuratorisch und organisatorisch das bilaterale OWELA-Projekt leitet, hat sich die Frage nach der Zukunft der Arbeit gestellt.

Doch die Zukunft trägt die Vergangenheit in sich und ihre Schatten sind lang und dunkel in Namibia. OWELA ist auch deshalb eine offene Auseinandersetzung über die gemeinsame deutsch-namibische Geschichte. Das zeigen farbige Künstler mit ihren sieben Performances und Installationen in und um Halle König Ludwig sehr eindrucksvoll. Der zumeist tanzende Gang durch die – zugegeben sehr kalte – Halle König Ludwig wurde bei der Premiere nun zur Reise in eine ferne Kultur. Sie beginnt draußen neben brennenden Tonnen und Kerzen. Salz und Marulasamensteine werden an die hohen Fenster geworfen, ein Ritual, das 1971 im südlichen Afrika genutzt wurde, um die Landenteignung zu reflektieren: Es kann keinen Frieden geben, keine Heilung und Versöhnung, wenn es keine Umverteilung und Wiedergutmachung gibt, ist sich der Performer Nashilongweshipwe Mushaandja mit seinem rund 90-minütigen „Tanz des Gummibaums“ sicher.

Doch so einfach ist das nicht. Zu lange ist Namibias Geschichte verknüpft mit Apartheid und rassistischen Zuschreibungen. In „Ohne Frage“ etwa setzt sich die Fotografin Hildegard Titus mit der schwarzen Arbeit auseinander, Tätigkeiten also wie Reinigen, Bauen und Dienen, die nur die schwarzen Menschen verrichten. „Wascht eure Wäsche selbst, zieht eure Kinder alleine groß und kocht euch eure eigenen Mahlzeiten“ prangen in einer Installation an den Wänden. Trixie Munyama und Nelago Shilongoh beschäftigen sich in den nächsten Tagen dann mit der Anerkennung der Arbeit und Leistung schwarzer Frauen, geben Einblick in historische Filmarchive, während die Theatermacherin Veronique Mensah in „Mollys Tochter“ beklagt, dass sich die Tochter einer Arbeiterin mehr Sorge für andere trägt als für sich selbst: „Ich bin die, die sich um das Land kümmert, um hungrige Straßenkinder, um niedergeschlagene Farm-Arbeiter, aber wer kümmert sich um mich?“ För Künkel und Renata Gaspar wiederum laden zur Korrespondenz mit einem Sandhaufen ein – mit bitterer Erkenntnis: „Ich selbst habe die Straßen gebaut, die mich zu einem neuen Leben führen werden. Landstraßen, Autobahnen, Tunnels, Landpisten, Brücken.“ Doch gibt es das neue Leben wirklich?

„Arbeitsmigranten sind unsterblich, weil dauernd austauschbar. Sie haben eine einzige Funktion – arbeiten.“ Im Jahr 2014 erhielten die Bewohner im namibischen Omitara das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen. Was dieses Experiment gebracht hat, beleuchtete Theater- und Opernregisseurin Julia Wissert: Jugendliche aus dem kleinen Dorf dokumentierten ihren Alltag mit diesem Grundeinkommen, Ausschnitte davon sind jetzt in Recklinghausen zu sehen. Es sind Ausschnitte, die den schwarzen Künstlern Raum geben, ihre Kunst zu nutzen, um ihre Welten zu kommunizieren und gemeinsame Ansätze für das Leben und Denken ihrer Zukunft zu erforschen. Friedlich übrigens: „We are not here to make war. We are here to make coffee“, heißt es etwa bei Nashilongweshipwe Mushaandjas Gummibaum-Tanz. Und das ist doch schon mal ein guter Anfang.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Training, Beruf, Hobbys: So tickt "Bachelor in Paradise"-Teilnehmerin Carina Spack privat
Training, Beruf, Hobbys: So tickt "Bachelor in Paradise"-Teilnehmerin Carina Spack privat
Nach Fahrrad-Sturz durch Schlagloch: Versicherung der Stadt gibt dem Geschädigten Schuld 
Nach Fahrrad-Sturz durch Schlagloch: Versicherung der Stadt gibt dem Geschädigten Schuld 
Polizei sucht Hinweise auf unbekannten Exhibitionisten an der Bushaltestelle
Polizei sucht Hinweise auf unbekannten Exhibitionisten an der Bushaltestelle
Pädagogin aus Waltrop für großes Engagement ausgezeichnet
Pädagogin aus Waltrop für großes Engagement ausgezeichnet
Bürgermeisterkandidat für 2020 in Oer-Erkenschwick - die SPD hat sich entschieden
Bürgermeisterkandidat für 2020 in Oer-Erkenschwick - die SPD hat sich entschieden

Kommentare