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Penny Hes Yassour im Gespräch mit Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck.

Kunstausstellung

Eine Bühne für die Erinnerung

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Recklinghausen - Ein dunkles Labyrinth empfängt die Besucher der Kunsthalle. Bei der Suche nach einem Fixpunkt in der klaustrophobischen Enge landen die Augen bei Filmsequenzen einer wissenschaftlichen Langzeitstudie, die den Flug von Fledermäusen in geschlossenen Räumen simuliert. Begleitet von ihren technisch verfremdeten Rufen huschen die Tiere in entschleunigten Bildern durch ihr Gefängnis.

Während die Forschung der Frage nachgeht, ob und wie sich Fledermäuse an Raumdimensionen erinnern, nutzt Künstlerin Penny Hes Yassour das wissenschaftliche Material, um ihre eigenen, wunderbar berührenden Geschichten zu erzählen und Geschichte wach zu halten.

Mit ihrer Ausstellung „Temp-Est“ für die Ruhrfestspiele lädt die Israelin zu einer genauso poetischen wie politischen Reise durch Raum und Zeit. Ihre vier multimedialen Installationen – eine Collage aus Ton, Bild und Objektwelt – simulieren Lebensräume, das Miteinander, von Menschen, von Mensch und Natur und fordern zum neuen Sehen und Erleben auf. Zeitlupenbilder und gedehnte Passagen scheinen die Zeit anhalten zu wollen, helfen so bei der Verwandlung und öffnen den Blick des Betrachters auf das Dahinter und eigene Assoziationen.

Immer wieder appelliert die 69-Jährige an das Erinnerungsvermögen des Ausstellungsbesuchers. So tauchen die Fledermaus-Bilder in der Installation „Space and its double – Observations“, flankiert von bizarren Apparaturen, in zwei nahezu identischen, spiegelbildlich eingerichteten Räumen erneut auf. Der Mensch braucht die Erinnerung, um nicht zu vergessen und um sich selbst in der Welt nicht zu verlieren, lautet die Botschaft. Schon für ihre „Mental Maps“, mit der sie auf der documenta X 1997 an die Rolle der Deutschen Reichsbahn beim systematischen Transport der Juden in Konzentrationslager erinnerte, erhielt Penny Hes Yassour den Arnold-Bode-Preis.

Eindringliche, aber gleichwohl stille Bilder

Die Jüdin mit deutschen Wurzeln lebt seit mehr als vier Jahrzehnten im Kibbuz Ein Harod (Ihud) im Nordosten Israels. Penny Hes Yassour studierte Kunst und Geografie und unterrichtet seit 2000 an der renommierten Bezalel-Akademie in Jerusalem, sie hatte Lehraufträge in Hamburg und Berlin. In eindringlichen, gleichwohl stillen Bildern erzählt die Israelin in ihren Arbeiten vom Leben in einem Land, das von Grenzen bestimmt ist, vom Lebensgefühl der Menschen, die unfreiwillig unfrei sind, von Grenzziehungen zwischen Gestern und Heute, Erinnerung und Vergessen.

Durchs Niemandsland des Jordantals

Ihre Raum-in-Raum-Installation „Resonance Towers – between memory and oblivion“ in der ersten Etage führt den Betrachter durch das Niemandsland des Jordantals an der Grenze zwischen Israel und Jordanien. Wachtürme und Stacheldrahtzäune rhythmisieren die scheinbar harmlose Idylle. Das Schattenspiel morbider Möbel und Architekturmodelle überlagert die Naturaufnahmen an der Wand. Klirrend helle und dumpfe Töne verstärken die gleichzeitig bedrohlich und beruhigend wirkende Szenerie. Auch hier lässt der sehr subjektiv-emotionale Blick der Künstlerin auf Vergangenheit und Gegenwart viel Raum für eigene Assoziationen und Erinnerungsketten.

In der oberen Etage des Kunstbunkers lässt Penny Hes Yassour einen Film ganz pur wirken. Was behutsam und poetisch mit Überblendungen und gedehnten Passagen beginnt, entpuppt sich als Bau eines gewaltigen Wasserbeckens und brachialer Eingriff in die Natur. Auf vier großen Leinwänden bewegen mächtige Bagger gigantische Sandmassen, riesige Plastikbahnen begraben die Landschaft und eine Stadt unter sich. Am Ende wirkt das leere Becken in seiner unwirklichen Künstlichkeit wie eine große Bühne. – Und wieder bleibt nur die Erinnerung, um die Zerstörung der Natur anzuklagen.

Karten zu allen Veranstaltungen der Ruhrfestspiele 2019 gibt es, soweit verfügbar, in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber ganz einfach unter der Hotline Tel. 0209/1477999.

Eröffnung am Sonntag - Ausstellungseröffnung: 5. Mai, 11 Uhr - Internationaler Museumstag: 19. Mai, ab 11 Uhr - Finissage: 14. Juli, 11 Uhr - Ein begleitender Katalog erscheint im Juni. - Öffentliche Führungen: sonntags um 11 Uhr - Kunsthalle Recklinghausen, Große-Perdekampstraße 25-27, Recklinghausen, Tel. 02361/501931.

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