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Lesung mit Lina Beckmann und Charly Hübner bei den Ruhrfestspielen.

Lesung mit Beckmann und Hübner

Wie ein großer Saal zu einem kleinen Zimmer wird

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Recklinghausen - In der ersten Lesung der diesjährigen Ruhrfestspiele haben zwei wunderbare Darsteller einen Auftakt auf die Bühne gebracht, den das Publikum direkt mit stehend dargebrachten Ovationen belohnte. Zu Recht.

„Danke“, sagen die Menschen, die nach der vom Medienhaus Bauer präsentierten Lesung von Lina Beckmann und Charly Hübner Schlange stehen, um sich das Buch von John Berger – „Einst in Europa“ – signieren zu lassen. Ein „Danke“ nach der zwar gängigen Dauer einer Lesung von anderthalb Stunden, die aber für viele noch viel länger hätte sein dürfen. „Danke für diese schöne Erfahrung.“ Die beiden Schauspieler selbst sind auch bewegt: „Wir sind es, die dankbar sind, diesen schönen Text lesen zu dürfen“, so Lina Beckmann. Und Charly Hübner fügt hinzu: „Das ist ein starker Text, ein Text, der einen trägt.“ Das war bei der Lesung deutlich zu spüren, schon vom ersten Moment an.

„Ehe der Mohn blüht, ist seine Knospe hart wie die äußere Schale einer Mandel“ – die bildhafte Sprache Bergers zieht durch Beckmann und Hübner ins Große Haus ein, lässt eine Ruhe ins Theater einkehren, die trotz sehr tragischer Begebenheiten in der Geschichte immer wieder – auch durch die lakonische Art der Erzählerin Odile Blanc –, mit pointiertem Humor durchzogen wird: „Blanc? Blanc bedeutet weiß, wie Milch?“ fragt Charly Hübner als Stepan Pigorov mit perfektem russischem Akzent. „Nicht wenn Sie vin blanc bestellen!“ entgegnet Odile (Lina Beckmann). „Nicht wie Eiweiß!“

Hübner liest auch die anderen männlichen Stellen des Textes, zwar akzentfrei, aber in der jeweiligen Persönlichkeit des Charakters – den Sohn Christian mit einer jungen Verschmitztheit, den Vater Achille Blanc mit einem rauen, französischen Arbeiter-Timbre, den Freund und späteren Partner Michel mit einer ebenso mutigen wie skeptischen Weisheit.

Dank seiner dramaturgischen Energie und den perfekt gewählten sprachlichen Mitteln Bergers gerät das Publikum nicht ein einziges Mal aus dem Tritt, kann immer folgen und das Schicksal Odiles miterleben. Die Tagesreise nach Italien mit Michel, die Liebe zu Stepan, und das Unglück in der Fabrik im Ort, die alle nur „Europa“ nennen, das das Leben der noch so jungen Odile vorzeitig ins Alter springen lässt, als ihr „Mann“ noch vor der Hochzeit tödlich verunglückt und ihr nichts bleibt von ihm als das Baby in ihr.

Als Hübner durch Stepan Odile eine Geschichte erzählt von zwei philosophischen Bären, wird Lina Beckmanns Mimik zu einer eigenen kleinen Bühne. Als sie Odile sinnieren lässt, dass ihr älterer Bruder Régis niemals Chance gegen den „mindestens zwei Meter großen“ Stepan habe, muss Hübner unwillkürlich lächeln, als sei er stolz auf die Kraft und die Energie des Mannes, den er durch die Worte Bergers leben lässt. In ganz intimen Momenten der Protagonisten wird der große Saal mit den vielen hundert Menschen darin zu einem kleinen Raum voller Nähe und Vertrautheit, die Vereinigung der beiden in den Zeilen ist für alle so richtig und natürlich wie die Obstbaumpflege von Odiles Vater: „Das Sonnenlicht strömte durch die Astlöcher der Wandbretter, und das Heu roch nach angebrannter Milch, und ich fühlte, dass alles Gute, das je geschehen konnte, in mich gepfropft wurde.“

Karten zu allen Veranstaltungen der Ruhrfestspiele 2019 gibt es, soweit verfügbar, in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter 0209/1477999.

Feine Nuancen lassen das Publikum immer wieder lachen, auch als Hübner auf der späten Suche nach Glück und Frieden den alten Freund Michel, jetzt Odiles Partner, mit einer gesunden Portion Pragmatismus feststellen lässt: „Das Paradies ist: Leckt mich alle am Arsch.“ Purer Egoismus, komplette Ruhe, das sei das Paradies. Das mag stimmen, aber gerade hier hätte es gern noch ein wenig weitergehen können.

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