„Pinocchio“ mal ganz anders

Es wird geschummelt, bis der Arzt kommt

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Ausgehend vom gleichnamigen Märchen um den hölzernen Jungen mit der langen Lügennase hat die Theatergrupe „Monster Truck“ zusammen mit dem Jungen Nationaltheater Mannheim ein kurioses Nachwuchsstück aus Quizshow und Geschichtenverdrehung zum Mitmachen und Mitlügen ab acht Jahren konzipiert.

Die Idee dahinter: Wie bei der TV-Gameshow „Eins, zwei oder drei“ stellt Puppenspieler Stromboli ausgewählten Kindern auf der Bühne Fragen, auf die es nur eine richtige Antwort geben kann, entweder hinter Tor 1, 2 oder eben 3, bezeichnenderweise jeweils als Nebel umwaberter Sarg mit Totenkopf und Friedhofskreuz dargestellt. Das restliche Publikum darf getrost lauthals vorsagen, oder besser: vorschreien. Nur wer die korrekte Tür erwischt, darf sich eine Süßigkeit schnappen und in einen trichterförmigen Transformator werfen, aus dem nach drei Quizrunden immer mehr echte Körperteile für den hölzernen Pinocchio ausgespuckt werden. Denn die Holzpuppe möchte nicht beim fiesen Stromboli bleiben, sondern ein lebendiger zuckersüßer Junge werden. Doch nur, wenn es dem Team Pinocchio gelingt, alle Körperteile zu verwandeln, klappt das. Ansonsten geraten auch die Kinder in die Gewalt des Puppenspielers. Natürlich hilft die Grille (Hanna Valentina Röhrich), die hier für Ente Gina aus dem Original einspringt, dem Nachwuchs.

Doch genauso steuern Fuchs (Sebastian Reich) und Kater (Johannes Bauer) wie im echten Märchen meistens dagegen. Und Stromboli selbst (ein durchsetzungsstarker Uwe Topmann) erweist sich als hinterlistiger Schmierenkomödiant, der sein unfaires Lügenspiel treibt. Denn bei den verhältnismäßig einfachen Eingangsfragen bleibt es nicht: Wann ist beispielsweise eine Lüge erlaubt? Wenn ich einem Freund damit helfe? Nein. Wenn ich mit Gewalt gezwungen werde? Nein. Wenn mir Geld dafür gezahlt wird? Ja! Geschummelt wird hier, bis der Arzt kommt. Und Empörung macht sich breit, sobald richtig beantwortete Fragen vermeintlich als falsch abgewunken werden, etwa die nach der Verwandlung Pinocchios in einen Esel. Da sind sich die Kinder ganz sicher, aber die Spielregeln bestimmt nun einmal der Puppenspieler. Und der legt auch fest, dass weder Bayern München noch der BVB der beste Fußballclub ist, sondern Waldhof Mannheim.

Gewissenskonflikte und Empörung

In echte Gewissenskonflikte bringen den Nachwuchs zwischendurch auch Publikumsfragen wie „Wer hat schon mal ein Tier getötet? Hand hoch!“ Und Tränen fließen sogar, als zwei Jungs sich auf die Frage „Wer würde seinen Platz auf der Bühne mit dem aus dem Publikum tauschen?“ mit „Ich“ melden und damit zwar das richtige Türchen, oder besser, den richtigen Sarg, erwischt haben, aber dennoch als erste von der Bühne klettern müssen.

„Pinocchio“ ist täglich bis Donnerstag, 16. Mai, jeweils von 10 bis 11.20 Uhr im Festspielzelt hinter dem Ruhrfestspielhaus zu erleben. Das Junge Nationaltheater Mannheim und die Theatergruppe Monster Truck bieten im Anschluss an das Stück ein Publikumsgespräch an – auch im Klassenverbund.

Am Ende, als der Stargast, die blaue Fee, die alles entscheidende Frage stellt, wird zwar alles gut und Pinochio zum Anknabbern lebendig. Doch manche Empörung der Zuschauer, unter denen sich übrigens auch das Recklinghäuser Schauspielpaar Martin Brambach und Christine Sommer befand, dürfte zurückgeblieben sein. Fazit: „Pinocchio“ ist eine knallharte Auseinandersetzung mit Lügen und Wahrheit, keine Kinder-Poesie – ein pädagogisch vielleicht sinnvoller Ansatz, der nachhaltig, gut gemacht ist und auf platte Witze und Albernheiten verzichtet, jedoch viele Jüngere an ihre Grenzen geführt haben dürfte.

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