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Comedian Chin Meyer.

Ruhrfestspiele 2019

Chin Meyer: „Man muss Freiheit auch nutzen“

Recklinghausen - Chin Meyer rechnet mit Herrschaftsverhältnissen in der digitalen Welt ab.

Jeder Mensch sei ein Hybrid, ein Wesen der Gegensätze. So komme bei Staatschefs das höchste Amt und extreme Dummheit in Personalunion vor. Wie solle sich künstliche Intelligenz entwickeln, wo die natürliche Intelligenz kaum aus ihren Kinderschuhen heraus sei? „Leben im Plus“ heißt das aktuelle Programm, mit der Kabarettist Chin Meyer bei den Ruhrfestspielen die komplexe digitalisierte Welt in seine Bestandteile zerlegt.

Bei der Betrachtung von globalen und digitalen Herrschaftsverhältnissen sei vieles eine Frage des Standpunktes: Donald Trump habe aktuell die Absicht, eine Mauer zu errichten, weil „alle Einwanderer ja stehlen, vergewaltigen, plündern und betrügen“. Eben das hätten die Indianer vor circa 250 Jahren aber auch über die weißen Einwanderer schon aus Europa gesagt.

Chin Meyer hat für den realen Irrsinn von heute ein Feuerwerk an grotesken und subtilen Beispielen parat. Dass der Berliner Großflughafen nie fertig werde, freue Greta Thunberg, denn Umweltfreundlicher könne ein Airport gar nicht sein. Meyer bietet naheliegende Lösungen an, um dem System aus Verblendung und Manipulation zu entschlüpfen:

Ein Medley aus Wagner und Beethoven

Ein indischer „Finanzexperte“ wirbt für den Gebrauch von Bargeld – und schon sind alle Rechen- und Spionagealgorithmen von Amazon und Google machtlos. Vor allem als „Steuerfahnder“ mit geölter Halbglatze und Aktentasche (kl. Foto) zeigt Meyer mit so manch’ entlarvendem Rechenbeispiel, wie Geld die Gesellschaft regiert: „Gesundheitsfanatische Ökos belasten durch ihr langes Leben die Allgemeinheit und haben auch noch schlechte Laune dabei!“ Also wieder mehr rauchen und saufen und damit den Staatshaushalt sponsern.

Wo Wortschwadronaden enden, machen schräge Musikeinlagen zusammen mit seinem versierten Pianisten weiter: Ein Medley aus Wagner und Beethoven wird mit Rassistengestammel, wie es im Netz wuchert, überlagert. Vielleicht sollten einfach mal wieder die Kulturleistungen dieses Landes wertgeschätzt werden, um von dumpfer Fremdenangst und kollektiven Minderwertigkeitskomplexen runter zu kommen. Weisheit ist viel mehr, als einfach nur sämtliche Fernseh-Koch-Shows auswendig aufzählen zu können, mit denen das allgemeine Bedürfnis nach Brot und Spielen bedient wird.

Zum aufgeklärten Selber-Denken gibt es gute Rahmenbedingungen, wie Chin Meyer unter großem Beifall im Festspielzelt appelliert: „Wir leben heute in einer der freiesten Welten.“ Es komme nur drauf an, dieser Freiheit auch zu nutzen.

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