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Die überragende Sopranistin Eleonore Marguerre

Ruhrfestspiele 2019

Einst verschrien – heute Perlen im Konzertsaal

RECKLINGHAUSEN - NPW bietet mit „Skandale!“ einen hinreißend spannenden Beitrag.

Was haben die drei überaus unterschiedlichen Werke, mit denen die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) im Festspielhaus aufwartete, miteinander gemein? Alle drei brachen mit der geistigen Enge althergebrachter Konvention und missverstandener Tradition. Ein thematisch spannender, hinreißend musizierter Beitrag erwartete folglich das Publikum der Ruhrfestspiele.

Doch die neue Festspielleitung hat dieses große Thema glatt verschenkt. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, das ehemals Widerborstige dieser Musik in einen kulturhistorischen Kontext zu stellen. Einer Musik, die heute zu den glänzendsten Perlen im Konzertsaal zählt. Es gab kein Programm, ja nicht einmal einen Besetzungszettel, der die Namen der überragenden Sopranistin Eleonore Marguerre und des österreichischen Gastdirigenten Roberto Paternostro aus der legendären Wiener Swarowsky-Dirigentenschmiede genannt hätte.

Immerhin gelang es, auch Besucher ins Festspielhaus zu locken, die offenkundig noch nie ein Sinfoniekonzert besucht haben. Ein Publikum im bei weitem nicht ausverkauften Saal, das zu einem nicht geringen Teil nach dem ersten, auch nach dem zweiten und dem dritten Satz der dritten Sinfonie von Anton Bruckner prasselnden Beifall zollte. Als wäre eine Sinfonie ein Potpourri unterschiedlich garnierter Häppchen. Und als würde dadurch nicht der innere Zusammenhang eines großformatigen Werkes zerrissen.

Paternostro, der zehn Jahre lang bis 2007 als Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel wirkte, erwies sich im Festspielhaus als Meister des Subtilen. Sehr durchsichtig, recht verhalten legte er Ouvertüre und Bacchanale aus Richard Wagners „Tannhäuser“ an. Knisternde Erotik und aufwühlende Leidenschaft gingen darüber ein wenig verloren. Sie waren es nicht, die 1861 in der Pariser Oper wütende Publikumsreaktionen auslöste. Der „Tannhäuser“ mit seiner narkotisierenden Musik entsprach schlichtweg nicht den Ansprüchen einer historisierenden Grand Opéra mit Balletteinlagen.

Befürworter und Kontrahenten ohrfeigten sich, als Arnold Schönberg 1913 im Wiener Konzertverein zwei der fünf Altenberg-Lieder seines Schülers Alban Berg aus der Taufe hob. Das löste einen Polizeieinsatz aus. Die Prügelei landete gar vor Gericht. In den erst 1953 komplett uraufgeführten, lakonisch knappen Vertonungen aphoristischer Ansichtskarten-Texte des Wiener Bohemiens Peter Altenberg verfeinerte Alban Berg mit einem Hauch symbolistischer Dekadenz und expressiver Wucht des großen Orchesters die auf Johannes Brahms zurückgehende Kunst der entwickelten Variation mit spieltechnischen Neuerungen wie erstmals eingesetzten Streicherglissandi. Mit staunenswerter Präzision lösten die Philharmoniker den kristallinen, zerbrechlichen Zauber und die kunstvolle Passacaglia des letzten Liedes „Hier ist Friede“ mit vollständiger Zwölftonreihe ein. Grandios meisterte Eleonore Marguerre mit ihrem prachtvollen Charaktersopran den Zwiespalt, an Fülle nicht zu geizen, wenn eine Passage nur gehaucht zu singen ist. Das gelang ihr mit schönsten Schattierungen.

Melodischer Zauber mit hinreißenden Bratschen

Anton Bruckners dritte Sinfonie in d-Moll wiesen die Wiener Philharmoniker in der ersten Fassung von 1873 als „unspielbar“ zurück. Die zweite Fassung von 1877 sorgte bei ihrer Uraufführung für einen Skandal. Erst die dritte Fassung von 1889 hat sich im Konzertsaal durchgesetzt. Die im Festspielhaus gespielte rekonstruierte erste Fassung reizt nicht nur durch ihre Wagner-Zitate, das SchlafMotiv aus „Walküre“ im ersten Satz und die „Tristan“- Chromatik im vierten. Auch wenn Bruckner die Kunst des Übergangs hier noch nicht perfektioniert hat, akzentuierten die Philharmoniker, von Paternostro straff dirigiert, die bewegliche Dynamik und die ähnlich wie in Jean Pauls Romanen ausschweifende Fantasie schlüssig.

Aktuelle Infos zu den Ruhrfestspielen, Berichte, Kritiken und Videos sowie alle Termine auch unter www.vestivalplus.de INFO Karten zu Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer oder aber unter 0209/ 1477999.

Herrlich glückte die Violinenkantilene, die aus einem Misterioso entwickelte anschwellende Kraft, der melodische Zauber mit hinreißenden Bratschen und Celli im Adagio, der flirrend aufgefächerte Ländler im Scherzo und das schwindelerregende Achtel-Wogen der Streicher im Allegro-Finale. Eine großartige Orchesterleistung.

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