Ruhrfestspiele 2019

Feministisches Performance-Kollektiv „Henrike Iglesias“ bei den Ruhrfestspielen

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Recklinghausen - Das feministische Kollektiv „Henrike Iglesias“ entdeckt die produktive Kraft der weiblichen Fress-Gier – und das sehr vergnüglich.

Es ist angerichtet in der Halle König Ludwig. Auf dem Speiseplan steht diesmal die ewige Selbstoptimierung der Frau und das Dauer-Brechreiz evozierende weibliche „Ich bin zu dick“-Genörgel. Das bestens unterhaltende und gut verdauliche Rezept heißt „Fressen“, am Herd der Ruhrfestspiele stehen die Köchinnen des feministischen Performance-Kollektivs „Henrike Iglesias“.

70 Minuten lang mampfen und futtern sich Laura Naumann, Marielle Schavan, Sophia Schroth und Anna Fries in ihrer rosaroten Küchenwelt vor einem riesigen Fressmonster-Maul hemmungslos durch Berge von Chips, Fertig-Pizza und Sahnepudding. Die Fress-Orgie führt das Publikum zu den Elektrobeats von DJane Malu Peeters von der verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers und einer krankhaften Ess-Fixierung über die Suche nach den Schuldigen bis zur trotzigen Diätwahn-Befreiung.

„Auf die Fresse, fertig, los“ heißt das Motto ihrer Kochshow

Während sich das kulinarische Rad mit Thermomix, Fermentieren und Low-Carb ständig weiterdreht, bremsen sich die Frauen mit Selbstvorwürfen wie „Ich habe heute ganz viel gesündigt“ oder „Scheiße, ich hab schon wieder Hunger“ aus. Nie war das Essen so präsent wie problematisch. Höchste Zeit, das zu ändern, finden die Mädels von „Henrike Iglesias“ und rechnen mit allen ab, die das Spielchen „Bodyshaming“ mitspielen.

„Auf die Fresse, fertig, los“ heißt das Motto ihrer Kochshow, die erst mit einer lustigen Gurken-Hack-Aktion, später mit einem lasziven Küchenutensilien-Striptease hinterm Glitzervorhang zum Kern des Übels kommt: der männliche Blick, der den Frauen die eigene Wahrnehmung vernebelt. Ein ekliges Gift, das sie in der nächsten Szene wie Drogenabhängige schlucken.

Aber die Gefahr lauert auch anderswo: Auf die ständigen, vermeintlich gut gemeinten „Du wirst zu dick“-Vorwürfe des Vaters reagiert Sophia Schroth heute mit einer Extra-Portion Sahne für den alten Herrn und selbstbewusst tanzenden Winkearmen im hautengen Fleisch-Kostüm. Laura Naumann zieht den Bauch ein vor lauter Schuldgefühlen, wenn sie von ihrem Einstieg in die Essstörung erzählt. Während der Vater seine Diät ständig mit heimlichen Bockwurst-Exzessen torpediert, ignoriert der Rest der Familie seine Lügen und „frisst“ artig weiter nur Rucola. Und dann ist da noch die unerträgliche Last der Erwartung an sich selbst, die mehr Bauchschmerzen bereitet als ein Fressanfall, wie Marielle Schavan als gestresste Hausfrau berichtet.

Auf die Fresse kriegen an diesem vollmundig-vergnüglichen Abend viele. Sogar die Zuschauer, die die eklige vorgekaute Cocktail-Brühe am Ende in ihrer neugierigen Gier genauso arglos schlucken wie den perfiden Schlankheitswahn.

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