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Inspiriert von den farbenprächtigen Bildern des Franzosen Henri Rousseau, blättert Stephanie Miracle mit ihrer Choreografie „Wilderness tender“ ein surreales Dschungelbuch auf.

Ruhrfestspiele 2019

Folkwang Tanzstudio verzaubert mit zwei unterschiedlichen Tanzwelten

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Recklinghausen - Das Folkwang Tanzstudio feiert mit dem Doppelabend „Wilderness tender / Auftaucher“ seinen umjubelten Ruhrfestspiel-Einstand.

In einen faszinierenden Kosmos aus Bewegung, Musik, Rhythmus und Emotion tauchte das Ruhrfestspiel-Publikum an zwei Abenden im Theater Marl ein. Das Folkwang Tanzstudio verzauberte den Saal mit zwei ganz unterschiedlichen Tanzwelten; so hochpoetisch, sinnlich, temperamentvoll und überraschend, dass man am liebsten permanent die Wiederholungstaste gedrückt hätte. Am Ende entließen die Zuschauer die zehn Tänzerinnen und Tänzer erst nach minutenlangem Jubel und stehend dargebrachten Ovationen.

Inspiriert von den farbenprächtigen Bildern des Franzosen Henri Rousseau, blättert Stephanie Miracle mit ihrer Choreografie „Wilderness tender“ ein surreales Dschungelbuch auf. Zärtlich und wild ist die bunte Tierschar, die sich langsam aus ihren schützenden Stoffkokons schält.

Während die Tücher wie an Kauenhaken unter der Decke baumeln, erkunden die Tänzer behutsam das Terrain. Ein stolzer Vogelschwarm, neugierige Erdmännchen – unterstützt von den „Geräuschemachern“ Simon Camatta (Schlagzeug) und Stefan Kirchhoff (Gitarre) am Bühnenrand wird der ganze Urwald mit seinen animalischen Klängen in der Fantasie schnell lebendig.

Mit einem schier unerschöpflichen Bewegungsvokabular verändern die Tänzer ständig ihre Position im Raum: Mal zucken die Körper vom Zeh bis zum Kopf, dann folgen weich fließende oder kantig ungelenk staksende Sequenzen. Die Tiere stupsen sich zärtlich mit der Nase, kuscheln, schaukeln, springen übereinander, klettern, wiegen sich in synchronen Wellen, umkreisen sich misstrauisch, zanken und liebkosen sich.

Der ganze Dschungel atmet und klingt

Die Live-Musik treibt das Geschehen immer wieder rasant an. Durch ständige Tempowechsel mit schnellen Szenen und eingefrorenen Standbildern und mit vielen Ensembleszenen verdichtet die Choreografin das Geschehen. Der ganze Dschungel atmet und klingt. Stets aufs Neue finden sich die einzelnen Tänzer zusammen, verknoten sich zu einem Organismus, später zu einer Horde, die um einen leblosen Körper streitet und sich die Beute am Ende teilt. 60 Minuten purer Genuss.

Wie zeitlos aktuell und lebendig ihr Tanztheater ist, beweist Henrietta Horn mit der Wiederaufnahme ihrer Choreografie „Auftaucher“, die seit der Uraufführung im Jahr 2001 bis heute begeistert. In formal strengen Bildern fächert die Bewegungsforscherin, die jahrelang mit Pina Bausch arbeitete, alle zwischenmenschlichen Aggregatzustände auf: Liebe und Leidenschaft, Eifersucht und Betrug, Aggression und Machtspiele, Humor und Lebenslust. Stühle und Bewegungslinien strukturieren den Raum virtuos.

Mit Handrasseln geben die Tänzerinnen und Tänzer den Takt vor, kommunizieren miteinander und visualisieren ihre emotionale Achterbahnfahrt. Ihren atmosphärischen Sog entwickelt die Choreografie durch das Zusammenspiel von Licht, Bewegung und Musik und durch das präzise Timing der geschüttelten, gestampften und geklatschten Passagen. Ruhige und lärmende Szenen wechseln sich bei diesem schweißtreibenden Dialog der Körper ab, immer wieder entstehen kleine Brüche, durch einen Blick, eine Geste. Am Ende steigern sich die Emotionen beim Anfeuern von zwei Gegnern wie in einem rhythmisch wogenden Rausch. Brillant!

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