Ruhrfestspiele 2019

Genre-Vielfalt zwischen poetisch und politisch

Recklinghausen - Im „Folkwang Showcase“ zeigen die Studierenden der Universität der Künste schauspielerisch, tänzerisch und musikalisch, wofür sie leben.

Es ist ein Traum, aus dem man nicht erwachen möchte – die Rückkehr in die Realität fällt schwer nach diesem Ruhrfestspiel-Abend. Im „Folkwang Showcase“ zeigen die Studierenden der Universität der Künste schauspielerisch, tänzerisch und musikalisch, wofür sie leben.

Das Leben ist der Traum, der Raum, in dem sich alle bewegen und da liegt es nahe, immer wieder mitten im Publikum zu sein. Unvermittelt steigen Henrietta Horn (Tanz) und Matthias Geuting (Truhenorgel) eingangs eben so in den Abend ein, im Foyer, mitten im stehenden Publikum.

Drinnen beginnt der Showcase mit dem Trio Yannick Heckmann, Rudi Klein und Leo Meier und dem lustig-makabren Detektiv-Stück „Tote gehen nicht ins Kino“. Die Bühne und Requisiten sind schlicht, werden höchst effizient genutzt, die Pointen mal ganz fein, mal direkter eingesetzt, die Darstellung in Mimik und Gestik ist großartig – ein Schauspiel wie ein komödiantischer James-Bond-Vorspann aus den 70ern.

Das Publikum ist bereits begeistert, und lernt: Kafka kann Leben retten, wenn auch eher als Schutz vor Schüssen als inhaltlich. In den Applaus hinein schreitet Kejti Karaj, an der geöffneten Tür zum Gang vorbei an einem Flügel, zur Bühne. Sie singt eine Tschaikowsky-Romanze, wird für ein Duett von Vera Ziselier und Antonia Busse („Es dämmert das Licht“) kurz umrahmt, und verlässt mit „Otchevo? Warum?“ den Saal wieder.

Kaum Zeit zum Luftholen lässt das Modern-Dance-Ensemble

Wie vielseitig und präzise an der Folkwang-Universität die Studiengänge gelehrt werden, zeigt sich im jeweiligen Wechsel zum nächsten Genre: „Die Krähe“ (Lucy Flournoy) ist atemberaubend, ein Paradies(vogel) für Fans des Physical Theatre – und wer das bis dahin noch nicht war, ist es jetzt, garantiert.

Kaum Zeit zum Luftholen lässt das Modern-Dance-Ensemble, das mit „Quanitimunity“ eine körperliche Korrespondenz tanzt. Anna Cho lockt auf der Treppe im Foyer mit einem Stück aus „Rusalka“ das Publikum nach der Pause zurück ins Theater, ihre Stimme füllt den Raum.

Etwas musiklastig und textlich nicht leicht zu verstehen ist das Medley aus „Spring Awakening“, einem Broadway-Musical nach Wedekinds „Frühlings Erwachen“, was der darstellerischen Leistung der Musical- und Jazz-Studierenden allerdings keinen Abbruch tut.

Dann zwei tänzerische Höhepunkte: Eva Pageix tanzt eine Choreographie Pina Bauschs, „Philips 836885 D.S.Y.“, ein Solostück, das bis 2017 vier Jahrzehnte nicht mehr live gezeigt wurde. Wie viel ein Körper, die feinste Bewegung, erzählen kann – es ist eins der Wunder des Abends.

Ausgezeichnet mit dem Best-Duo-Tanz-Preis

Ebenso wie Antonia Bischof und Djamila Polo, die „Himmelskörper“ werden, zu Recht bereits ausgezeichnet mit dem Best-Duo-Preis des 10. Internationalen Tanzfestivals SoloDuo NRW. Ihre Nacktheit gibt sich keine Blöße, ihr Ausdruck ist stärker als jede Geschlechterrolle, ihre Zusammenspiel erfüllt mit wahnsinniger Zuneigung.

Die wunderschöne „Tree Tree“-Performance von Kenji Shinohe (er spielt das Publikum geradezu schwindelig und findet am Ende sanften Trost in einem stillen, pantomimischen Höhepunkt) beschließt den Showcase – der poetisch und politisch zugleich einen der schönsten Abende quer durch die Facetten der darstellerischen Kunst bietet. Wer einen Traum nicht aufschreibt, vergisst ihn irgendwann. Wer einen Blick in dieses Schaufenster erheischen durfte, vergisst das nie.

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