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Georg Stefan Troller bei seiner Lesung in Recklinghausen. —Foto: J. Gutzeit

Ruhrfestspiele 2019

Georg Stefan Troller hat nie die Lust am Fragen verloren

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Recklinghausen - Warum und wie der Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller selbst mit 97 Jahren noch das Publikum zu begeistern weiß.

Die Bezeichnung Jahrhundertmensch passt für ihn wie für wenige: Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Drehbuchschreiber, Stilikone des Dokumentarfilms und des journalistischen Interviews ist mittlerweile 97 Jahre alt.

Er ist aus seiner Wahlheimat Paris nach Recklinghausen gereist und kommt zum Gespräch mit Dennis Scheck zwar gemächlich auf die Bühne des Ruhrfestspielhauses, aber so selbstverständlich, als gehöre der Auftritt für einen Herrn seines Alters selbstverständlich zum täglichen Geschäft.

Das Interview ist die journalistische Form, der der 1921 in Wien geborene Georg Stefan Troller ab den 1950er-Jahren in Film, Fernsehen und Büchern einen Stempel aufgedrückt hat. Er war Reporter für den Rundfunksender RIAS Berlin, schuf 1961 für die ARD das Format „Pariser Journal“ und lieferte für das ZDF in den 70er-Jahren die „Personenbeschreibung“ als neues Format.

Im zweiten Teil des Abends liest der Gast aus seinen Büchern

Jetzt stellt sich der Mann, der mit seiner subtilen Art des Fragens berühmt wurde, dem Gespräch mit Literaturkritiker Dennis Scheck bei den Ruhrfestspielen. Einen Überblick über dieses großartige Leben und Werk zu geben, ist an einem Abend schlicht nicht möglich. Dennis Scheck versucht es löblicherweise auch nicht.

Es brauchte auch nur wenige Impulse, um mit Georg Stefan Troller die Vergangenheit – wie er sie sieht – in kurzen Momenten nachzuerleben. Die Jahre haben nichts von seinem Esprit, seinem Humor und der unaufgeregten Erzählweise genommen.

Als 16-Jähriger floh der Sohn eines jüdischen Pelzhändlers in Wien über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA. Gegen Ende des Kriegs kehrte er als amerikanischer Soldat zurück und wurde bei Vernehmungen von Kriegsgefangenen eingesetzt.

Rückblickend sagt er heute: „Man musste eine Vertrauensbasis herstellen, damit sie ausplauderten, was wir wissen wollten.“ Dieses Rezept hat Georg Stefan Troller – später als Journalist und Autor – so erfolgreich gemacht. Über Interviewer sagt er mit leiser Selbstironie: „Wir sind alle Menschenfresser, leben von dem warmen Blut unserer Opfer, unser Ruhm beruht auf ihnen. Aber was haben sie davon?“

Im zweiten Teil des Abends liest der Gast aus seinen Büchern. „Ein Traum von Paris“ erschien 2017 und ist eine Erinnerung in Bild und Wort. Die Fotos aus den 50er-Jahren fand seine Tochter nach 60 Jahren in einem Karton unter dem Bett seiner geschiedenen Frau.

Mit ihnen und seinen Texten aus dieser Zeit kehrt Georg Stefan Troller in die ärmlichen Vororte seiner Wahlheimat Paris zurück.

Im September kommt das nächste Buch heraus

Im September kommt wieder ein Buch mit Erinnerungen auf den Markt. Kostproben aus „Liebe, Lust und Abenteuer“ präsentiert er vorab dem Ruhrfestspielpublikum. Er lässt Edith Piaf über die Liebe zu jüngeren Männern reden, Roman Polanski über sexuelle Anziehung und Arthur Rubinstein über seine Wirkung auf Frauen.

Wie sehr seine Arbeit geschätzt wird, hat Georg Stefan Troller durch viele Ehrungen und Preise – darunter auch mehrere Grimme-Preise – erfahren.

Viele seiner Trophäen sind allerdings durch unglückliche Umstände auf dem Müll gelandet. „So liegt mein Ruhm verblichen auf einer Halde“, sagt er schmunzelnd. Was soll‘s – im September erscheint das neue Buch des Autors, der die Lust am Fragen nicht verliert.

Nur eine kleine Bequemlichkeit gönnt sich Georg Stefan Troller am Ende des Ruhrfestspiel-Abends. Er spart sich den Weg hinunter ins Foyer und bleibt zur Signierstunde ganz einfach auf der Bühne sitzen. Die Schlange der Wartenden mit seinen Büchern unter dem Arm reicht dennoch schnell bis hinunter ins Parkett.

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