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Romy Seibt umtanzt den Wäscheberg.

Ruhrfestspiele 2019

Von lahmen Enten und müden Glucken

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Recklinghausen - Drei Artistinnen und eine Regisseurin rechnen in ihrem Stück „Raven“ in federleichten Bildern ab mit dem Klischee der Rabenmutter.

Früher war sie die Herrin der Lüfte, flog als stolzer Adler vogelfrei von Engagement zu Engagement durch die Welt. Als Mutter von zwei Kindern ist die Luftakrobatin längst auf dem Boden der Tatsachen angekommen, zwischen Küche, Kümmern und Klischees ausgebremst wie eine lahme Ente. Aber auch wenn sie beim Balanceakt zwischen Job und Familie reichlich Federn lässt, eine perfekte Rund-um-die-Uhr-Glucke kann und will sie nicht sein. Ist frau deshalb eine Rabenmutter?

Ist sie natürlich nicht, Mutter-sein bedeutet nicht perfekt zu sein, lautet die Antwort der drei Artistinnen vom Berliner Künstlerinnenkollektiv „still hungry“. Und weil es mit Blick auf die „Regretting Motherhood“-Debatte höchste Zeit ist, ehrlich darüber zu reden, haben sie das Thema zusammen mit der britischen Regisseurin Bryony Kimmings in ihrem Stück „Raven“ zirkusreif gemacht: mit Poesie, mit Witz und Ironie, mit schönen Artistik-Sequenzen – und mit ganz viel Wut im Bauch.

Eine Stunde lang bekommen die Ruhrfestspiel-Zuschauer in der Halle König Ludwig einen sehr persönlichen Einblick in das Leben von Kontorsionistin Lena Ries, Luftartistin Anke van Engelshoven und Vertikalseil-Akrobatin Romy Seibt. An der Schnittstelle zwischen Akrobatik, Schauspiel und Show erzählen die drei Frauen zwischen Wäschebergen und Plastikpuppen von ihren Zweifeln, ihrer Verzweiflung, ihren (Alb)Träumen, aber auch von der unendlichen Kraft, die die Liebe zum Job und zu den Kindern mobilisieren kann.

Der Spagat zwischen Familie und Karriere

Mal wird der Körper beim Spagat zwischen Familie, Selbstverwirklichung und Karriere auf dem großen Sofa virtuos verschraubt, dann dient der Bühnenhimmel als weit entfernter Zufluchtsort vor dem „Ich-kann-nicht-mehr-Gefühl“ im Leben oder der ganze Frust über die viel zu hohen Selbstansprüche entlädt sich zu rockigen Beats beim schwindelerregenden Dreh am Seil.

Auch die Freude über den Anruf der Agentin aus dem Off währt nicht lange: Zwölf Shows die Woche, ein Maximalgewicht von 45 Kilo, und der Druck, gleichzeitig Diva, Schwan und Top-Model sein zu müssen, lässt die Artistin mit der schäbigen Gewissheit zurück, sich eher wie ein Tonklumpen, Müllberg oder Kartoffelsack zu fühlen. Und im Hintergrund tickt unaufhaltsam die berufliche Uhr: Wie lange kann ich noch als Artistin arbeiten, wie lange hält mein Körper das noch aus? Wie das mit einem ernsten Thema und ohne spektakuläre Noch-nie-gesehen-Höchstleistungen geht, beweist das Frauen-Trio mit wunderbaren federleichten Bildern.

Und die beste Antwort auf die Ausgangsfrage geben am Ende die größten Experten: die Kinder der drei Artistinnen, die ihre Mütter „cool“, „lustig“ und „schön“ finden, stolz wie Bolle sind, was Mama alles kann – und sich ganz offensichtlich kein bisschen vernachlässigt fühlen.

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