Ruhrfestspiele 2019

„Steppenwolf“-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen

Recklinghausen - „Der Steppenwolf“ aus Stuttgart: düster, humorvoll, mutig. Mit den verschiedenen Interpretationen der Persönlichkeit von Hauptfigur Harry Haller können sich gleich zu Beginn der „Steppenwolf“-Inszenierung von Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart, bei den Ruhrfestspielen die Menschen im Spiegel sehen.

Wann hast du das letzte Mal geweint?“ steht auf den Leinwänden über der Bühne. „Hasst du dich manchmal selbst?“. Oder: „Was bereust du?“ Fragen, die jeder am liebsten verdrängt.

Der Stoff von Herman Hesse hat in über 90 Jahren nichts an Bedeutung verloren. Im Gegenteil. Mit den verschiedenen Interpretationen der Persönlichkeit von Hauptfigur Harry Haller können sich gleich zu Beginn der „Steppenwolf“-Inszenierung von Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart, bei den Ruhrfestspielen die Menschen im Spiegel sehen.

Wie aktuell der Inhalt ist, wird schnell deutlich: Mehr denn je sind auch heute noch rationale Welt und künstlerische Entwicklung oft unvereinbar oder – noch schlimmer – so ineinander in Verstrickungen gezwungen, dass es keine Aussicht auf freie Entfaltung gibt.

„Liebe Freunde“, beginnen die Darsteller auf der dunklen Bühne, „wir können euch nichts geben, was nicht in euch selbst ist.“ Sie nehmen Platz, schweigen, immer länger, Stille macht sich breit.

Eine faszinierende Bühnenadaption

Dann eine Vorstellungsrunde. „Mein Harry ist …“ beschreiben die Darsteller ihre Hallers. „Alkoholiker, depressiv, einsam …“ Eine Anleitung zu den anstehenden Charakterwechseln, die vorbereitet auf die dann folgende „generationsübergreifende Fabel“, wie es in der Ankündigung heißt. Das bedeutet? Dass Popmusik und Techno, Video-Sequenzen und Club-Style, Cartoon-Verfremdung und blutige Computer-Games ebenso zu dem verzweifelten Leiden Harry Hallers ob der Bürgerlichkeit der Welt passen, wie die starken Worte Herman Hesses.

Die Gratwanderung, aus dem Stoff von 1927 eine mutige und faszinierende Bühnenadaption mit gelegentlichem Discopop, goldenen Anzügen und Spiegelkugel-Overalls zu machen ohne ins Alberne abzugleiten, gelingt grandios. Ein Breakdancer (Lin Verleger) tanzt die innere Zerrissenheit, die Launen der Hauptfigur, mal cool und rhythmisch, dann wieder wie ein Kranker mit manischem Juckreiz oder ein Junkie auf kaltem Entzug.

Ein Garant für perfekt platzierte Pointen

Marie-Christin Sommer ist als Pablo ein DJ, vorher beleidigte Professorenehefrau, dann radiotaugliche Sängerin, cooler, subtil, Garant für perfekt platzierte Pointen, und bereitet den drei Harrys (alle in ihren Auslegungen der Figur sehr gut: Gerd Ritter, Milan Gather und Lin Verleger) die Bühne.

Hallers weiblicher Spiegel ist Hermine (Anna-Lena Hitzfeld), souverän, stark, befehlend, klug – und verführerisch. Gleichzeitig kann sie klein und zerbrechlich wirken und in ihren leisen Momenten – beim Handycam-Video in Großaufnahme so beschützenswert wie ein Hilferuf auf YouTube: „Meine Träume hatten Recht. Die Wirklichkeit hat Unrecht.“

Feine Ausflüge in ein Meta- Spiel, sich auf Regieanweisungen hinweisend, machen auch in schweren Momenten eine parodistische Sichtweise möglich. Und am Ende? Am Ende sitzen die Darstellerwieder wie eingangs da: „Mein Harry ist … immer noch allein, aber nicht mehr einsam.“

Am Ende blickt das Publikum in echte Spiegel, ein Kabinett der Beunruhigung (in was für einer Welt leben wir eigentlich?) und des Trosts (wenn es Haller schon so ging, dann sind wir alle nicht allein im Alleinsein). Am Ende sind wir also alle vielleicht räumlich allein, aber (hoffentlich) nicht einsam.

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