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Das traumverlorene Bild täuscht: Für Desdemona (Dagmar Geppert) schlägt in Gestalt Othellos (Jubril Sulaimon) die Stunde des Todes.

Ruhrfestspiele 2019

Wie die vergiftete Saat des Hasses sprießt

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Recklinghausen - Mit Shakespeares „Othello“ richtet Roberto Ciulli einen skeptischen Blick auf das Gift des Rassismus und die Tücke der Intrige.

Grelles Rot – das ist die Farbe der Liebe und des Blutes. Auf einem grellroten, leicht abgenutzten Sofa liegen im Kleinen Theater des Ruhrfestspielhauses zwei Frauen – beide gemeuchelt von Männern, wie sie unterschiedlichen nicht sein könnten. Männern, die eines eint: eine kaum kaschierte Verachtung für Frauen, in denen sie willfährige Gespielinnen oder schäbige Huren sehen.

Dieses Macho-Kainsmal hat Roberto Ciulli seiner frappierend gegenwartsbezogenen Inszenierung der Shakespeare-Tragödie „Othello“ implantiert. Sie rundet die dreiteilige Werkschau des gebürtigen Mailänders mit seiner ausgeprägten Vorliebe für große literarische Bühnenstoffe und seiner auf deutschen Bühnen eher raren spielerisch-circensischen Neigung durch eine besondere Facette ab. Hier wird deutlich, dass der 85-jährige Bühnenzauberer die politische Dimension kaum je außer Acht lässt.

Sein „Othello“ aus dem vergangenen Herbst zeigt das exemplarisch. Hinter dem Menschendrama wird eine politische Parabel sichtbar. Ciulli richtet einen skeptischen Blick auf die Tücke der Fake News in asozialen Medien und das trübe Gift destruktiver Einflüsterungen des Rechtspopulismus. Das erschließt sich mit der sinistren Gestalt des von Hass getriebenen Intriganten Jago. Wer heute „Othello“ inszeniert, muss zu allererst zwei Fragen klären.

Ist Jago der Dämon, den die Romantiker in ihm sahen? Und wie besetzt man die Titelfigur? Ciulli gibt eine überraschende Antwort. Den Othello spielt als Gast ein echter Schwarzafrikaner. Der gebürtige Nigerianer Jubril Sulaimon verfällt in seine Muttersprache, wenn die vergiftete Saat des Zweifels in ihm gärt. Und wenn diese Saat als Hass auf die „geile Hure“ Desdemona aufgeht, die blonde Traumfrau an seiner Seite. Steffen Reubers Jago, dessen Einflüsterungen in Othello Misstrauen wecken und die Vernunft ausschalten, ist ein aalglatter, zynischer Machtmensch hinter der Maske des gediegenen Intellektuellen – ein Prototyp der Neuen Rechten.

Italienische Schlager und leichtgängiger Jazz

Seine verhuscht gezeichnete Frau Emilia (Petra von der Beek) muss sterben, weil sie die wahren Tatsachen zu enthüllen droht. Sie, die dem von Eifersucht geblendeten, wild gewordenen Mörder Othello gerade noch in übelstem Rassismus „Du Affe“ zugeraunt hat.

Wie Ungeheuer, die der Schlaf der Vernunft gebiert, treiben es Fabio Menéndez‘ Cassio und Dagmar Gepperts engelsgleiche Desdemona beim schnellen Sex an einer Wand und halbnackt in Liebeswonnen unter einem Boxsack, dem einzigen Requisit neben dem Sofa (Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben verstarb vor der Premiere). Sind das Wahngestalten? Oder ist es Realität? Es sind trügerische Hirngespinste, die Intriganten in die Hände spielen.

Bis auf Desdemonas Vater Brabantio (Klaus Herzog) als aasigem Mafioso-Paten sind alle anderen Figuren gestrichen. Darunter leidet der anderthalbstündige Abend mit seinen raschen, mitunter abrupten Filmschnitten keineswegs. Italienischer Schlager und leichtgängiger Jazz begleiten sie, bis Verdis „Ave Maria“ wie eine Todesahnung ertönt und das innige Weidenlied aus seinen Oper „Otello“ mit reichlich Sentiment einen melodramatischen Schlusseffekt setzt. Das Publikum geizte nicht mit Beifall.

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