Ruhrfestspiele 2019

Die verlorene Ehre der Tiziana Cantone

Recklinghausen - In der „Reportagen – Live“-Reihe am Sonntagnachmittag las Barbara Bachmann ihre mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnete Rekonstruktion der letzten Lebensmonate einer Frau, die in den ironischerweise „sozial“ genannten Medien so verhöhnt und erniedrigt wurde, dass sie sich am 13. September 2016 erhängte.

„Sex, Lügen und Youtube“ ist eine unaufgeregte, allein durch ihre faktische Gliederung aber in ihrer Wortgewalt höchst emotionale journalistische Meisterleistung. Es ist auch eine Verurteilung der nach wie vor gesellschaftlich vorherrschenden Doppelmoral, nicht nur in Neapel, in Italien, sondern weltweit.

Der Hintergrund: Tiziana Cantone verschickte Videos von sich beim Geschlechtsverkehr an Männer, die sie tatsächlich oder virtuell kannte, unter anderem an ihren Lebensgefährten. Doch die stellten diese – ohne ihr Wissen – ins Netz und ließen zu, dass sie an den öffentlichen Pranger gestellt wurde.

Tiziana Cantone wurde nur 33 Jahre alt

Verzweifelt versuchte Cantone, die Videos löschen zu lassen. Auf über 100 Internetseiten war sie zu sehen, auf etwa 40 war sie auch nach ihrem Tod noch zu finden. Die Männer konnte man in diesen Filmen nicht erkennen, nur ihre Geschlechtsteile sehen. Sie blieben anonym, dadurch unbescholten, jeder Mann kann sich wiederfinden, ohne Angst haben zu müssen.

Einer, von Bachmann im Rahmen der Recherche kontaktiert (nicht aber von der Polizei), bat gar panisch darum, seine Familie nicht zu informieren. Tiziana Cantone aber, die junge Frau, 33 Jahre nur alt, wurde auf der Straße erkannt, belästigt, konnte nicht mehr aus dem Haus gehen. Medien, Nachbarn, Fußballstars, Boxer, sogar Schulkinder witzelten über sie – noch bevor eine angestrebte Namensänderung wirksam wurde, nahm sie sich das Leben.

„Hunderte private Sexvideos werden jeden Tag gedreht, vielleicht auch verschickt, sind bald wieder vergessen“, so Barbara Bachmann in ihrer Reportage.

Ein Satz, der im ganzen Land Furore macht

„Im Fall von Tiziana Cantone ist es anders. Vielleicht wegen dieses einen Satzes, der sich binnen kurzer Zeit im ganzen Land verbreitet. Ein Satz, der sich verselbstständigt, außer Kontrolle gerät. „Mi stai facendo un video? Bravo“, „Machst du gerade ein Video von mir? Gut so“, wird von Unbekannten auf T-Shirts gedruckt, auf Kaffeetassen und Schlüsselanhänger.

Die Parallelen zu Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sind frappierend, jedwede Menschlichkeit in den (sozialen) Medien versagt in diesem besonders grausamen – aber erschreckend gängigen – Beispiel, das Internet scheint ein rechtsfreier Raum, eine frucht- und zugleich furchtbare Plattform auf der Häme und Spott sprießen, zu sein.

Im an die Lesung anschließenden Gespräch mit dem Publikum erläuterte Barbara Bachmann Details aus der Recherche, beantwortete Fragen zu Reaktionen, erklärte, dass die Geschichte trotz konkreter Kontaktaufnahme von italienischen Medien abgelehnt wurde – es sei doch schon alles geschrieben, hieß es. In Tiziana Cantones Fall aber eben nicht. Durch Bachmanns Reportage wird ganz offensichtlich, wie wenig Einsatz Justiz, Polizei, Gesellschaft und auch die herkömmlichen Medien gezeigt haben.

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