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Anny Hartmann in Recklinghausen

Ruhrfestspiele 2019

„War Kohl vielleicht doch ein Linker?“

RECKLINGHAUSEN - Anny Hartmann geht mit der herrschenden Wirtschaftsordnung ins Gericht

„Es ist nicht alles ,alternativlos’ – jeder hat es in der Hand, am Sonntag anders zu wählen!“ Mit diesem Appell schloss Anny Hartmann ihren, von solidarischen Beifallsstürmen begleiteten, Vortrag im Festspielzelt der Ruhrfestspiele. Die gebürtige Kölnerin bietet politisches Kabarett ohne Schnörkel – ernsthaft, engagiert und aufklärerisch. Ohne Umschweife und mit rasierklingenscharfer Analytik kam sie zur Sache.

Anny Hartmann war früher Bankangestellte. Heute seziert sie das System von Finanzkapitalismus und politischem Lobbyismus – und appelliert mit Leidenschaft. Wo Geld heute alles regiere, sei auch die Politik längst eine gekaufte Politik, in der die Mächtigen auch immer die Reichen seien. Und das alles sei für die heutige Weltordnung mit ihrer perversen Ressourcenverschleuderung, ihrem Hyperkonsum und einer wachsenden Ungleichheit verantwortlich.

Anny Hartmann jongliert virtuos mit Beispielen und Zusammenhängen und bemüht auch die Geschichte: „Die Erfindung des Geldes hat den Verlust von Vertrauen und Solidarität in die Menschheit gebracht“. Heute ständen allerdings in den deregulierten Finanzmärkten dem Geld an sich keine Waren oder Arbeitsleistungen mehr eins zu eins gegenüber. Dadurch explodierten die Privatvermögen einer Minderheit in unvorstellbarem Ausmaße.

Zins und Zinseszins, seien im Altertum verbotene Praktiken gewesen – heute aber die Wurzel des Übels! Wenn Politiker heuchlerisch jammerten, dass „gespart“ werden müsse oder Geringverdienern aufgenötigt werde, aus privaten Mitteln ihre Altersversorgung selbst zu bestreiten, dann fehle nicht einfach Geld es sei dorthin geflossen, wo es nicht hingehört! Heuchelei sei außerdem, dass sich eine Partei „christlich“ nenne, wo sich kürzlich ein Friedrich Merz als Fraktionschef beworben habe, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender eines der weltweit größten Investmentfonds-Imperien sei. Es gebe Mittel und Wege, die krankmachenden Symptome dieser Wirtschaftsordnung zumindest abzubremsen: Einst hätten ein deutlich höherer Spitzensteuersatz von über 50 Prozent und eine Vermögenssteuer der Explosion von Reichtum in den Händen einiger weniger Einhalt geboten – damals unter Helmut Kohl! „War Helmut Kohl vielleicht doch ein Linker?“ wirft Hartmann im Festivalzelt die ironische Frage auf.

Karten zu Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es in allen Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer oder aber unter 0209/ 1477999.

Drastisch geht sie dabei aber mit dem Reflex ins Gericht, aus Protest mit den Verhältnissen rechtspopulistische Parteien zu wählen: „Wenn Ihnen das Bier nicht schmeckt, trinken Sie doch auch nicht stattdessen aus der Kloschüssel!“

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