Ruhrfestspiele 2019

Wilhelm Busch im Selfie-Wahn

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Recklinghausen - Antú Romero Nunes beamt den Ur-Comic-Klassiker „Max & Moritz“ als anarchisches Clownstheater lustvoll ins Heute.

Ein Riesenrums und das schrille Spektakel beginnt. Noch ein „Mampf, Mampf“ und ein „Ratsch, Ratsch“, dann ein „Klick, Klick“ und Max und Moritz sind im Hier und Heute mit Selfie-Wahn und „MeToo“-Diskussion angekommen. In den ersten 30 Minuten haben Wilhelm Busch und seine Reime Sendepause. Auf der Bühne im Ruhrfestspielhaus zeigen Stefanie Reinsperger und Annika Meier als herrlich rotzfreche Gören mit ihrem Fantasie-Kinder-Gebrabbel und einer Quietsch- und Raschel-Choreografie, wo’s langgeht.

Regisseur Antú Romero Nunes hat die beiden Chaosstifter aus dem Jahre 1865 als bonbonbunte Clowns in einer anarchischen Nummern-Revue rappend und rockend zum Leben erweckt. Die Premiere der Koproduktion bei den Ruhrfestspielen wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Lustvoll macht sich der 35-jährige Fachmann fürs Zirzensische mit seinem Seifenblasenzauber über Buschs bösen Comic-Strip-Klassiker her. Und er hat am Berliner Ensemble grandiose Schauspieler, die mit den explodierenden Perücken und schillernden Kostümen von Victoria Behr zur Live-Musik von Carolina Bigge knapp zwei Stunden über die Bühne wirbeln, dass es nur so scheppert, krabbelt und gackert – und nicht lange dauert, bis das Premierenpublikum vor Vergnügen gluckst und mit der Handy-Taschenlampe Glühwürmchen spielt.

Es lebe die Freiheit der Kunst und ihr rein unterhaltsamer Selbstzweck

Auch als die Witwe Bolte (Sascha Nathan) endlich die unvergessenen Busch-Verse spricht, bleibt es ein Abend der Überraschungen. Nunes inszeniert jeden der sieben Streiche in einer anderen Ästhetik: Die ersten beiden Szenen werden Bild für Bild mit einer Foto-Session im riesigen Holzrahmen ausgewälzt. Während die Bolte das Blitzlicht-Gewitter dirigiert, schleppen Hühner und Hahn Requisiten in Serie und singen sich zu Gainsbourgs „Je t’aime“ in den Liebesrausch, bevor eine riesige Windmaschine den Zuschauern Federn und Plastiktüten um die Ohren bläst.

Die Geschichte von Schneidermeister Böck (Tilo Nest) erzählt dessen Frau, die ihn trockenbügelt, kurzerhand schnell am Handy und guckt dann Pornos. Weil wir uns ja schließlich mitten in einem Kinderbuch für Erwachsene befinden. Es lebe die Freiheit der Kunst und ihr rein unterhaltsamer Selbstzweck! Was Nunes mit jeder Szene auf seiner absurd-chaotischen Spielwiese zelebriert, lässt er den Maler Klecksel in einem großen Monolog auf den Punkt bringen. Meister Lämpel (Constanze Becker) enttarnt sich mit der eigenen Sekundärliteratur selbst als grausamer Zuchtmeister, der den Lausbuben ihre Streiche und das Anderssein aus dem Leib prügeln will.

Am Ende sind alle Figuren in diesem grotesken Typenkabinett gleich böse. Aber der Regisseur bleibt bewusst der Entertainer und will kein Psychoanalytiker in den Untiefen der Seele sein. Bei ihm steigen Max und Moritz zu Tode gegrillt als Riesen-Engel in den Himmel auf und leben als buntes Konfetti vogelfrei weiter.

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