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Recklinghausen, Ruhrfestspiele 2019, Hertha Müller und Dennis Scheck, Foto: J. Gutzeit

Ruhrfestspiele

Herta Müller: „Der Literaturnobelpreis ist auch nur ein Preis“

Recklinghausen - Denis Scheck trifft Herta Müller auf dem Hügel, und daraus wird „das Großartigste, was ich seit Jahren bei den Ruhrfestspielen erlebt habe“, wie die Sitznachbarin – und nicht nur sie – resümiert.

Hätte ich drei Wünsche frei … ich wünschte mir auf meinen rechten Platz die Herta Müller herbei. Launig, mit einem Kinderreim, eröffnet Denis Scheck das Gespräch mit der deutsch-rumänischen Literaturnobelpreisträgerin im Ruhrfestspielhaus. Dann bescheidet sich der populäre Literaturkritiker und Moderator mit der Rolle des Stichwortgebers, überlässt in angenehmer Zurückhaltung seinem Gast das Feld, das dieser kunstvoll zu bestellen weiß.

Ja, sie ist eine Magierin des Wortes, diese Herta Müller, 65 Jahre alt, die auf den ersten Blick distanziert und kühl wirkt, im Fluss der freien Rede jedoch ganz offen, auch leidenschaftlich über die Bühne kommt.

Was sie sagt und vor allem wie sie es sagt, das lässt ein hochkonzentriertes Publikum an ihren Lippen hängen – wenn sie erzählt von der Kindheit, den jungen Jahren im totalitären System des Ceausescu-Regimes, einem Land, das ihr nie Heimat sein konnte, jede Diktatur als allein auf Angst fußend geißelt oder von der früh erwachten Sehnsucht nach Wörtern spricht, „Wörtern, die schön sind, nicht ideologisch verformt“. Wie sie, die ohne Bücher, ohne Märchen aufgewachsen war, begann, Wörter auszuschneiden, zu sammeln, akribisch, „geradezu süchtig“ war danach.

Daraus entstandene Collagen hat die 65-Jährige nun im Band „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ versammelt. Es sind verdichtete, gedichtete Sätze, die sich auf Postkartengröße ohne Punkt und Komma zu kleinen Geschichten entwickeln.

Ganze Geschichten in wenigen Wörtern

Einige stellt Herta Müller während des Gesprächs mit Scheck vor: sinnmachend – damit sich der Zuhörer einen Reim auf die auch visuelle Note dieser literarischen Mosaiken machen kann – auf eine Leinwand geworfen. Von dort liest Müller sie ab – stehend, ein bisschen wie ein Mädchen vor der Schultafel, mit unter der Brust verschränkten Armen, noch immer erstaunt scheinend: „Ich war verblüfft, weil einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählen können,“ hat sie einmal gesagt.

Humor habe er in einigen der Collage-Gedichte entdeckt, sagt, fragt Denis Scheck. Ja, bestätigt die Autorin, es bereite ihr Freude, auch mal diese Facette zeigen zu können, „denn zu den Themen meiner Romane passt Humor nicht.“

Am Dienstag, 14. Mai, 20 Uhr, hat Denis Scheck Georg Stefan Troller zu Gast, am Samstag, 25. Mai, 16 Uhr, Louis Begley. Karten zu allen Veranstaltungen der Ruhrfestspiele gibt es, soweit verfügbar, in den Geschäftsstellen des Medienhauses Bauer, im RZ- und SZ-Ticketcenter oder aber unter der Hotline (0209 /1477999.

Für ihre lyrische Prosa („Herztier“, Atemschaukel“) gleichwohl wurde Herta Müller 2009 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. „Was macht so ein Preis mit einem?“, möchte Scheck wissen. „Nichts“, lautet die Antwort. „Das ist auch nur ein Preis.“ Das könnte kokett klingen, ist aber nicht so – es klingt wahrhaftig, wie alles an diesem großartigen Abend Gesagte.

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