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Recklinghausen, Caroline Peters, Lesung Ruhrfestspiele. Foto: J. Gutzeit

Ruhrfestspiele

Schauspielerin Caroline Peters liest bei den Ruhrfestspielen

Recklinghausen - Caroline Peters liest bei den Ruhrfestspielen „Malina“, den ersten und einzigen Roman der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

Keine Frage: Caroline Peters hat ihre Sache hervorragend gemacht: eine anderthalbstündige, vom Medienhaus Bauer präsentierte Sonntags-Lesung vor vollem Haus ohne Ausrutscher, dafür mit viel Talent für Mimik und Gestik sowie dem nötigen Gespür für den schweren Inhalt. Und doch blieben der sympathischen Schauspielerin die eigentlich verdienten stehenden Ovationen am Ende versagt. Das kann nur am Werk selbst gelegen haben.

„Malina“, der erste und einzige Roman der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, brachte zu Entstehungszeiten schon sämtliche Kritiker in Erklärungsnöte. 350 Seiten, bestehend aus einem Vorwort, in dem die Ich-Erzählerin ohne Namen umständlich die Zeit, ihr persönliches Heute und den Ort, die Ungargasse im 3. Bezirk Wiens, hervorhebt, sowie drei zähen Kapiteln, ließen und lassen noch immer die Köpfe rauchen. Denn in der Dreiecksgeschichte zwischen dem viel reisenden, aus Ungarn stammenden Ivan, der nur ein paar Häuser weiter lebt, und einem bis zur Katatonie ruhigen Mitbewohner namens Malina verschwindet die Protagonistin am Ende in einem Riss in der Hauswand.

Ihr letzter berühmter Satz: „Es war Mord.“ Doch wer war dafür nun tatsächlich verantwortlich? Bachmann macht die Verwirrung nur noch größer, indem sie schreibt: „Ich habe in Ivan gelebt und werde sterben in Malina.“ Einig ist sich die Welt der Literatur nur, dass dieser Klassiker der Moderne autobiografisch ist, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne, sondern nur mental. Ihn aber auf das Innenleben der Autorin zu reduzieren, dürfte zu kurz greifen.

Bachmann will in „Malina“ vielmehr von der Zerrissenheit einer Intellektuellen im 20. Jahrhundert schreiben. Wie viel von ihrem Leid dabei mit ihrem Frausein zusammenhängt, davon handelt dieses auch heute immer noch verstörende Buch. Verstörend auch deshalb, weil Bachmann in ihrem Werk radikal an die Grenzen des Sagbaren geht: „Außer ein paar Betrunkenen, Lustmördern und Männern, die auch in die Zeitung kommen, bezeichnet als Triebverbrecher, hat kein normaler Mann mit normalen Trieben die naheliegende Idee, dass eine normale Frau ganz normal vergewaltigt werden möchte“, heißt es etwa.

Das ist schwere Kost, die Caroline Peters, an diesem Sonntagmorgen nur durch die schwarze Hornbrille vom gewohnten TV-Bild zu unterscheiden, geradezu routiniert gut und gänzlich unprätentiös darbringt.

Leichter wird der Stoff erst nach einer Stunde

Mehr noch: Sie liest die Zeilen nicht wie die meisten ihrer Schauspielvorgänger in den Jahren zuvor von einem DIN-A 4-Skript ab. Sie liest das Kleingedruckte aus ihrem mit Klebezetteln gespickten Taschenbuch selbst. Das macht Eindruck.

Doch leichter, weil humoriger wird der Stoff erst nach einer ganzen Stunde – nämlich dann, wenn die Ich-Erzählerin in „Malina“ die Unterschiede zwischen Mann und Frau definiert, oder vielmehr die Fehlvorstellungen, die Mann von Frau hat, egal ob beim Ohrläppchenknabbern oder Füße küssen: „Fasziniert haben mich Männer immer, aber mögen muss ich sie dafür nicht“, schreibt Bachmann sinngemäß, „ich frage mich nur, wie geht es jetzt weiter, nach dem Biss in die Schulter?“

Das klingt aus Peters Mund gelesen recht amüsant. Tatsächlich stellt die Autorin damit aber klar, dass es keine Zukunft für die Protagonistin und Ivan gibt, selbst wenn der sie einst noch so glücklich machte. Und das ist der Anfang vom Ende. Vom Ende in der Hauswand. Vom Ende einer Lesung, die angesichts der großen Leistung von Caroline Peters noch mehr Beifall verdient gehabt hätte. Hoffentlich bekommt sie im nächsten Jahr noch einmal die Chance.

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