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Der Meister des leeren Raums verortet das Geschehen mit nur ein paar Wurzeln, Ästen, Steinen und Tüchern.

Ruhrfestspiele

„The Prisoner“ – Eine Reise ins Unergründliche

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Recklinghausen - Peter Brook und Marie-Hélène Estienne entführen ihr Publikum in „The Prisoner“ in die unendlichen Weiten der Imagination.

Nach Recklinghausen kam der große Meister des leeren Raums dann doch nicht wie erhofft persönlich, Peter Brook, inzwischen 94 Jahre alt, schickte sein kleines Welttheaterensemble aus dem Pariser Théâtre des Bouffes du Nord allein zur Deutschlandpremiere bei den Ruhrfestspielen. 75 Minuten lang entführen die fünf Schauspieler das Publikum mithilfe fremder Denkkulturen in die unendlichen Weiten der Imagination und in die dunkelsten Winkel menschlicher Existenz.

In „The Prisoner“ erzählen Peter Brook und seine Assistentin Marie-Hélène Estienne ein archaisches Märchen von Schuld und Sühne, von Erlösung und Erkenntnis. Und sie stellen Fragen: Kann ein Straftäter in einem Gefängnis ohne Mauern, in völliger Freiwilligkeit durch seine eigene innere Hölle gehen und einen Läuterungsprozess durchlaufen, um am Ende Vergebung und von seiner Schuld befreit zurück ins Leben zu finden?

Und so hockt Mavuso (Omar Silva) auf der kahlen Bühne und schaut in die Zuschauerreihen auf das imaginäre Gefängnis. Aus Hass und Eifersucht hat er seinen Vater ermordet nach dessen Inzest mit Schwester Nadia (Kalieaswari Srinivasan).

Kein Effekt, keine Musik lenkt ab

Aber die junge Frau fühlte sich nicht gezwungen, sie liebte ihren Vater, erwartet jetzt ein Kind von ihm. Der Onkel Ezekiel (Hervé Gossings) sorgt für die gerechte Bestrafung und führt den Verbrecher durch einen Zauberwald in die Wüste, wo ihn nur die inneren Ketten von der Flucht abhalten. Weder Dekor noch Effekte oder Musik

Ein paar Wurzeln, Äste, Steine und Tücher auf der schwarzen Bühne reichen dem Theatermagier Brook, um das Geschehen in einem globalen Irgendwo zu verorten. Kein Effekt, keine Musik lenkt ab. Vieles ist nicht da, aber doch sichtbar für den Zuschauer. Der britische Theaterregisseur erzählt, ohne zu deuten, mit einfachen Sätzen, in denen immer wieder Beckett und Kafka mitschwingen, um der menschlichen Natur nachzuspüren.

„I am here to repair“, wiederholt Mavuso einige Male. Die Dorfbewohner wollen den seltsamen Einsiedler verscheuchen, Nadia will mit ihm fortgehen, der Vater, der als Geist erscheint, empfiehlt gar den giftigen Saft des heiligen Baumes, um den unsichtbaren Mauern zu entkommen – obwohl er vielen Versuchungen zur Flucht ausgesetzt ist, bleibt der Verurteilte standhaft. Erst nach zehn Jahren, als das Gefängnis abgerissen und alle anderen Häftlinge längst hingerichtet sind, ist der Hass auf den Vater verflogen, die Zeit für Vergebung und die Freiheit gekommen.

Nur mit Skizzen bebildert, wird das schwere Thema der Parabel wunderbar leicht, die Antwort auf die Ausgangsfrage bleibt aber bis zuletzt nur Behauptung. Auf das ganz unmittelbare Berührt-sein verzichtet die Regie in diesem Theatermärchen aber. Auch das Publikum im Kleinen Theater spendet nur höflich Beifall. Das Stück soll nachhallen, die Reise in eine Welt jenseits unserer Vorstellungsräume, ins Unergründliche, geht für Brook weiter.

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