+
Eine Szene aus „Parasites“.

Das Stück "Parasites"

Existenzialismus trifft auf Zirkuskunst

Recklinghausen - Kopfüber stecken drei Männer in Betonklötzen. Die Bühne ist durchspannt mit Drahtseilen, Stangen ragen auf, es ist eine urbane, dunkle Stimmung hier in der Halle König Ludwig. Der Nebel und die von draußen hereinquellende Hitze stehen im Raum und die Luft ist heiß. Jede Bewegung strengt an, im Körper und im Kopf, da ist es gut, dass das, was auf der Bühne passiert, so viel Konzentration und Selbstbeobachtung einfordert, dass man sowieso nur flach atmen kann.

Die Befreiung aus den Klötzen versuchen die drei Darsteller, ihre Bemühungen fallen ihnen schwer – mit Hammer, Erdanziehungskraft, Kraft und Überlebensenergie erst zweien, viel später dem dritten. Der spielt noch am Boden liegend Geige, während im Vordergrund ein moderner Sisyphos sich quer über die Bühne quält.

Glücklich wirkt er aber nicht, wie Camus unterstellt hätte, kurz danach jedoch befreit – und dennoch: „Nie werde ich in Ruhe schlafen können,“ sagt er, auf französisch, mit deutschen Übertiteln, die sich aber einfügen ins Gesamtbild, und es klingt, als laste alle Schuld der Welt auf diesem Raum. „Neuer Zirkus“ heißt die Sparte, in der „Parasites“ eingeordnet ist im Ruhrfestspielprogramm – in Frankreich und Skandinavien längst etabliert, hier noch auf dem Weg nach oben.

Artistisch ist es in der Tat, was Moïse Bernier, Thomas Garnier und Nicolas Lopez da zeigen. Singend, E-Gitarre in luftiger Höhe spielend, schwingend an schwankenden Stangen hängend und kopfüber Geige spielend, ist ihr Spiel vermengt mit Texten existenzialistischer Natur und manchmal durchzogen mit dunklem Humor und einem Hauch von Slapstick. Kurz nur, bevor sie wieder dem Chaos des Lebens entgegentreten, mal mutig, mal unterwürfig. Es ist laut und schrill, dann wieder leise und ängstlich. Gefesselt von dem wechselnden Miteinander der Artisten hofft man auf Antworten auf Fragen wie: „Ça va? Wie geht’s? Bist du müde? Bist du tot?“ Es gibt keine, außer: „Steh auf. Frei und Einsam.“

Hoffnung, Optimismus steigen am Ende mit einem beflügelten Wesen hinauf gen Himmel, der voller Scheinwerfer hängt. Aber weder diese noch die Sonne können diese Flügel schmelzen – und mit Worten voller Zuversicht wird das jubelnde Publikum in den Abend entlassen: „Stell dir vor …“

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Autofahrer prallt auf A2 bei Recklinghausen in Sattelzug - Mitfahrer schwer verletzt
Autofahrer prallt auf A2 bei Recklinghausen in Sattelzug - Mitfahrer schwer verletzt
Betrugsverdacht im Reisebüro in Herten - So viele Anzeigen liegen jetzt vor
Betrugsverdacht im Reisebüro in Herten - So viele Anzeigen liegen jetzt vor
Schreie und Bisse: Junge Marlerin wehrt unsittliche Übergriffe ab - Täter ist auf der Flucht
Schreie und Bisse: Junge Marlerin wehrt unsittliche Übergriffe ab - Täter ist auf der Flucht
Feuerwehr befreit eingeklemmten Marler aus seinem Wagen
Feuerwehr befreit eingeklemmten Marler aus seinem Wagen
Frau hat „Blackout“ in Gaststätte - Polizei: Einsatz von KO-Tropfen nicht mehr nachweisbar
Frau hat „Blackout“ in Gaststätte - Polizei: Einsatz von KO-Tropfen nicht mehr nachweisbar

Kommentare