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Dietmar Bär bei der Ruhrfestspiel-Lesung in Recklinghausen.

Tatort-Kommissar Dietmar Bär

Lese-Marathon mit einem Fernseh-Star

Recklinghausen - lle guten Dinge sind drei, offenbar auch bei den Ruhfestspielen. Erst ertönt Wolfram Kochs Stimme vom Band, man möge während der sonntäglichen Lesung – auf dem Programm steht Joseph Roths „Rebellion“ – sein Smartphone still und stumm in die Gesäßtasche verbannen. Dann bittet der Intendant sein Publikum höchstpersönlich, den Flugmodus einzuschalten. Und letztlich hakt auch Dietmar Bär eingangs noch einmal nach: „Sind wirklich alle Handys ausgeschaltet, auch die der Schalker?“

Kurzes Gelächter, dann startet der beliebte Dortmunder Schauspieler mit einigen Vorschusslorbeeren ohne Umschweife seinen vom Medienhaus Bauer präsentierten Lese-Marathon. 135 geschlagene Minuten liest Bär – ohne Pause, nicht einmal zwischen den Sätzen, mit denen der österreichische Autor Roth die Verwandlung vom frommen Gottgläubigen Andreas Pum in einen heidnischen Gottverschmäher haarspalterisch genau beschreibt: Protagonist Pum hat im Krieg zwar ein Bein verloren, doch er bekommt eine Auszeichnung und – dank einer kleinen List – sogar die Lizenz als Drehorgelspieler.

Vom ungesehenen Nachtwächter zum beliebten Leierkastenmann aufgestiegen, heiratet er das hinterlistige, wohlhabende Vollweib Katharina Blumich, wähnt sich mit Kind und eigenem Maulesel im Reich der Glückseligen und glaubt an einen gerechten Gott, der Kriegsverstümmelungen und Auszeichnungen fair verteilt.

Doch als er nach einer Rangelei unverschuldet wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung eingesperrt wird, seine Leierkasten-Lizenz und damit sein Recht auf Leben los ist und danach auch seine ehebrecherische Katharina, da hat Pum Gott verloren. „Gott fällt aus dem Kniegelenk“, sagt er.

Und als er, aus dem Knast entlassen, als Toilettenmann tätig, auf dem stillen Örtchen stirbt und plötzlich seinem himmlischen Richter gegenübersteht, da verschmäht er Gott und wünscht sich in die Hölle. „Wie ohnmächtig ist die Allmacht“, fragt Pum, der in seinem Scheitern ein bisschen an einen Franz Biberkopf erinnert.

Und tatsächlich: Während Dietmar Bär das eigentlich eher unbekannte Werk Roths souverän mit schauspielerischer Intensität liest, wird der Zuhörer beinahe selbst zum Anarchisten, verflucht die Politiker, Gott, die Welt und das Schicksal, das immer nur den kleinen Mann pisakt. Woher konnte Joseph Roth uns 1924 nur schon so gut kennen?

Auch Intendant Olaf Kröck befand bei seinen einleitenden Worten, die „Rebellion“ passe hervorragend in unsere Zeit. Und es passte hervorragend ins ausverkaufte, intime kleine Haus, in dem Bär, den die Mehrheit wohl eher als Oldtimer liebenden und Kölsch trinkenden Tatort-Kommissar Freddy Schenk vor Augen hatte, mit sonorer Stimme sein Publikum weit mehr als zwei Stunden fest bei der Stange hielt. Er hätte wohl mühelos den großen Saal füllen können.

Wäre da nicht heute Morgen schon ein LKW aus Griechenland am grünen Hügel angerollt: Den Umbauarbeiten für die Tanztheaterproduktion „The Great Tarmer“ von Dimitris Papaioannou musste Bär weichen. Dafür gab er dann anschließend reichlich Autogramme, bei denen der ein oder andere sicher sein Handy wieder scharf geschaltet hatte.

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