Bei Maria Schrader entlädt sich der Lebensfrust in feinsten Nuancen, aber auch Devid Striesow spielt seinen George wunderbar differenziert.
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Bei Maria Schrader entlädt sich der Lebensfrust in feinsten Nuancen, aber auch Devid Striesow spielt seinen George wunderbar differenziert.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Ein Höllenspiel in Endlosschleife

  • Tina Brambrink
    vonTina Brambrink
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RECKLINGHAUSEN - Am Ende steht der ganze Saal, Jubel und stehend dargebrachte Ovationen bei den Ruhrfestspielen. Zwei Stunden lang haben Maria Schrader und Devid Striesow soeben im Guerilla-Modus einen virtuosen Seelen-Striptease auf die Bühne gelegt. Im treibsandigen Sog aus Zynismus, Rausch und Demütigungen ist ihre Ehe zusammen mit den letzten Illusionen den Bach runtergegangen. Ein Höllenspiel in Endlosschleife – mit beeindruckender psychologischer Tiefenschärfe inszeniert, grandios besetzt.

Regisseurin Karin Beier schickt ihre beiden Spielmacher vom Schauspielhaus Hamburg in Edward Albees „Wer hat Angst vor Virgina Woolf?“ von der ersten Sekunde an auf einen absurd-existenzialistischen Absturz-Trip. Geschichtsprofessor George und seine Ehefrau Martha halten sich bei ihrer Aftershow nach der College-Party nicht mit rhetorischen Eiertänzen auf, sie reden Tacheles: streiten, schreien, trinken, hassen sich und schlingern von einer Peinlichkeit zur nächsten Beleidigung. Whiskeyflaschen und Eiswürfel fliegen den späten Gästen mit Hassbotschaften und Gemeinheiten um die Wette um die Ohren. Der smarte Blender Biologie-Dozent Nick (Matti Krause) und seine herrlich naive „Süße“ (Josefine Israel) kommen dem Akademikerpaar gerade recht, um ihre perfide Ehe-Schlacht als Kanonenfutter neu zu befeuern. Eine verlogene Fassade müssen sie schon lange nicht mehr aufrechterhalten.

Im kalten Seziersaal von Bühnenbildner Thomas Dreissigacker ist der Fokus mit zwei weißen Podesten unter Kugellampen ganz auf die Figuren gerichtet. Ein gewaltiger Baumstamm ragt bedrohlich in den Bühnenhimmel. Eine Eskalation mit Ansage.

Eskalation mit Ansage

Aber bis zum bitteren Finale müssen alle noch einige abgründige Spielrunden überstehen. Die Regeln scheinen nur George und Martha zu kennen. Nach dem Motto „Gut, besser, am besten, bestialisch“ schenken sich die beiden nichts. Immer wieder kommen ihre Beleidigungen von ihm als Bumerang zurück. Nur wenn sich die anderen beiden zu sehr ins Spiel einmischen, werden Taktlosigkeit und Aggression von kurzen Momenten der Vertrautheit zweier Verbündeter unterbrochen. Eine neue Dimension erreicht das zerfleischende Spiel, als George Martha und Nick zum Ehebruch auffordert.

Bei Maria Schrader entlädt sich der Lebensfrust in feinsten Nuancen: Ihre Ironie schlägt schnell in fiesen Sarkasmus um, sie kommandiert, flucht und turnt in einer erotischen Akrobatik-Nummer gegen den Seelenschmerz an, immer um den letzten Rest an Würde bemüht, ist eher verzweifelte als abgezockte Ehebrecherin. Eine Frau am Ende ihrer Kräfte, die gewinnen muss und verlieren will.

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Auch Devid Striesow spielt seinen George wunderbar differenziert: Es brodelt unter der arrogant-selbstzufriedenen Oberfläche, mit fahrigen Gesten und flattrigem Blick beherrscht er vor allem die komischen Zwischentöne in den toxischen Dialogen. Am Ende ist es George, der das Spiel durch die Nachricht vom Unfall-Tod des (Fantasie-)Sohnes eskalieren lässt. Und plötzlich wird der Moment größter Zerstörung zur größten Erlösung: Wenn sich die beiden im letzten berührend-schönen Bild in den Armen halten, bleibt die Hoffnung auf ein neues gemeinsames Leben.

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