Ehemalige Käthe-Kruse-Fabrik

Plüschtiere für die Kinder im Westen im Akkord gefertigt

LIPPRAMSDORF - Judith Lemsch arbeitete zu DDR-Zeiten in der früheren Käthe-Kruse-Puppenfabrik im Akkord, um vor allem Kindern im Westen mit Plüschtieren eine Freude zu machen. Im Osten waren die Tiere begehrter als Bananen.

"In der Kösener Plüsch-Tierwelt blieb man irgendwie immer Kind", sagt Judith Lemsch, die dort bis kurz nach der Wende arbeitete. Im Akkord, 8,45 Stunden täglich für die Kinder im Westen und in Russland. DDR-Familien konnten alle zwei Monate an einem Tag Überschuss-Ware kaufen. "Die Schlangen waren länger als am Bananenstand", erzählt Judith Lemsch von Begehrlichkeiten.

Judith Lemsch, Mutter von vier Kindern, wohnt heute mit ihrem zweiten Ehemann in Lippramsdorf. 1991 zog die gelernte Spielzeugfacharbeiterin von ihrer kleinen Heimatstadt Eckartsberga (Sachsen-Anhalt) in den Westen nach Coesfeld, wohnte dann in einem Mobilheim auf einem Halterner Campingplatz und hat schließlich mit ihrer Familie ein idyllisches Zuhause in einem denkmalgeschützten Eppendorfer Bauernhaus gefunden.

Plüschtiere aus der alten Zeit hat die 51-Jährige nicht mehr, wohl aber einen Ordner mit Unterlagen aus der produktiven Phase in Bad Kösen. In der weihnachtlich geschmückten Diele des Bauernhauses blättert sie darin, wundert sich über das eine und andere und erzählt von Schichtarbeit, Leistungsdruck, Zulagen am Weltfrauentag, Auszeichnungen und ihrem Bezirkstag-Mandat.

Zweijährige Ausbildung

1983 begann Judith Lemsch ihre zweijährige Ausbildung zur Spielzeugfacharbeiterin, danach arbeitete sie als Stanzerin im Zuschnitt.

Käthe Kruse hatte die Fabrik einst als Puppenwerkstatt aufgebaut, 1949 wechselte die berühmte Puppenmama nach Donauwörth. Ihr Besitz in Bad Kösen ging 1953 in Volkseigentum über. 1959 wurden die ersten Plüschtiere auf der Leipziger Messe vorgestellt, fortan waren sie Haupteinnahmequelle der "VEB Kösener Spielzeug". Die Puppenproduktion hatte 1964 ein Ende. Nach der Wende brach der Markt zusammen, die Firma stand vor dem Aus. Spielzeughersteller Steiff trat von einer zunächst geplanten Übernahme zurück, 1992 kaufte eine Familie den Betrieb. Da war Judith Lemsch schon weg.

"70 Prozent der Plüschtiere haben wir für den Westen genäht, 30 Prozent gingen nach Russland. Zu Weihnachten war Hochkonjunktur, es gab Lieferengpässe", erinnert sich Judith Lemsch. 200 Mitarbeiter arbeiteten im Akkord, damit Eltern jenseits der DDR-Grenzen ihren Kindern eine Freude machen konnten. Judith Lemsch hat trotz des Drucks gern in der Spielzeug-Fabrik gearbeitet. Sie denkt zurück an einen kollegialen Zusammenhalt und Annehmlichkeiten für die Werktätigen.

Wie sah ihre Arbeit aus? Zuschneiden, zusammenfügen, Augen nähen, Füllung in den Plüsch stopfen, zunähen, die Nähte zwecks Versäubern "kratzen", dann die Tiere mit Schleifchen komplettieren - so beschreibt Judith Lemsch den Fertigungsprozess im Zeitraffer.

"Kompliziert zu nähen waren die über einen Meter großen Bären oder die liegenden Kamele ohne Beine."

Tierformen ausgestanzt

Judith Lemsch arbeitete lange an der Stanze: "Ich habe die Tierformen ausgestochen, so wie man Plätzchen mit Förmchen aussticht." Muskelkraft war nötig: Eine Rolle mit plüschigem Stoff wog 200 Kilogramm, sie musste auf den Arbeitstisch gewuchtet werden. Es war auch laut am Platz und regelmäßig mussten alle Mitarbeiter wegen der Staubpartikel zur Lungenuntersuchung.

Im ersten Lehrjahr-Halbjahr verdiente Judith Stumpf, so ihr Mädchenname, 120 Ostmark, im vierten Lehrhalbjahr 180 Ostmark. Dann wurde sie nach Leistung bezahlt. Erfüllte sie ihr Soll, gab es mehr als 1000 Ostmark, sonst weniger. In 60 Minuten musste sie erreichen, wofür eigentlich 75 Minuten notwendig waren. "Und trotzdem, ich hätte gern dort weitergearbeitet. Mir hat die Arbeit Spaß gemacht", sagt sie.

"Es war eine schöne Zeit"

Ihr ging es nicht schlecht. Zum Internationalen Frauentag gab es Geschenke, Auszeichnungen, Kaffee und Kuchen. Einmal im Monat stand verheirateten Frauen ein bezahlter Hausarbeitstag zu. Judith Lemsch hatte 18 Tage regulären und drei Tage zusätzlichen Urlaub, wurde oft für Auszeichnungen und Prämien vorgeschlagen. "Es war eine schöne Zeit damals, manchmal vermisse ich sie."

In den Unterlagen findet sich auch eine besondere Urkunde: Judith Lemsch war von 1986 bis zum Mauerfall SED-Abgeordnete im Bezirkstag (mit dem Landtag zu vergleichen). "Mir ging es gut, ich hatte, was ich brauchte. Für mich hätte alles so weiterlaufen können." Und dennoch: Heute zieht sie nichts mehr zurück nach Eckartsberger. Sie ist angekommen, wo sie ebenso glücklich ist. Ohne Plüsch und Nostalgie.

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