Eine 86-jährige Halternerin zieht nach 60 Jahren um

Mit dem Aufzug ins neue Leben

Haltern - Ostern steht für Neuanfang. Auch Christel Thomas hat nach neuen Wegen Ausschau gehalten. Mit 86 Jahren zieht sie aus ihrem "Wohnzimmer" aus, ihre Familie findet das gut.

Ganze 32 Stufen hinauf in eine gefühlte Ewigkeit. Das Treppenhaus ist ein wenig verschlungen in diesem alten Haus. Christel Thomas steht oben an der Tür und weiß, oft wird sie hier nicht mehr Besuch empfangen. Nach 60 Jahren an einem Ort mitten in der Stadt gibt sie auf, was ihr viel bedeutet. Das ist dem Alter und der Vernunft geschuldet. Die pulsierende Rekumer Straße - sie wird ihr schon bald nicht mehr zu Füßen liegen.

Heimat, Sehnsuchtsort trotz des Fernwehs

Mit 86 Jahren zieht Christel Thomas in eine altengerechte Wohnung direkt neben dem Altenwohnhaus St. Sixtus. Mit Aufzug und Balkon. Ein Balkon, zum ersten Mal im Leben. Immerhin. Von 90 Quadratmeter verkleinert sie sich auf 57. Wohin sollen die vielen Erinnerungen an Urlaube auf dem ganzen Erdenball, die Erinnerungen an die Konditorei Böhmer, das Sammelsurium über ihre Heimatstadt?

Das, was sie liebt, darauf schaut sie beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster im Dachgeschoss: Heimat, Sehnsuchtsort trotz des Fernwehs. Auch im Alter noch.

Mit 16 Jahren ist sie ins Haus Rekumer Straße 8 gezogen. Aufgewachsen ist sie mit vier Geschwistern auf Haus Niemen direkt am See. Ihre Eltern Gottfried und Christine Böhmer bewirtschafteten das Ausflugslokal. Auf der Rekumer Straße aber war immer Stammsitz der Familie (die ersten Böhmers zogen 1650 von Sendenhorst nach Haltern). Café und Gaststätte Böhmer waren dort, wo heute das Schreibwarengeschäft Cleve ist. Großvater Böhmer, ein Konditormeister, verkaufte das Haus und baute ein neues auf dem Grundstück Nr. 8.

Vorne das Café, hinten der Saal

Vorne das Café und das Geschäft, hinten ein Saal für 200 Personen, sonntags Konzerte und Tanz - bis 1961 war das so. Dann verpachteten die Eltern ihren Betrieb. "Etliche Halterner sind sich hier näher gekommen, nach dem Tanzen spazierten Verliebte zur Flüsterallee", schmunzelt Christel Thomas. Sie meint die frühere Pappelallee an der Stever.

Schritt für Schritt geht sie in Gedanken die Rekumer Straße rauf und runter. Zu fast jedem Haus kennt sie eine Geschichte. In der Kneipe von Heinz Peikenkamp zum Beispiel (heute griechisches Restaurant) konnte man einzeln Zigaretten kaufen, man trank Germania-Bier und spielte Doppelkopf. Reismanns waren bekannt für eine gute Küche.

Noch heute ist sie rastlos, denkt niemals ans Aufgeben

Christel Thomas hat früh im elterlichen Betrieb geholfen, dadurch sei sie von einem scheuen Mädchen zu einer selbstbewussten Frau herangewachsen. "Auch in einem zweiten Leben würde ich immer wieder Wirtstochter werden wollen", ist sie mehr als zufrieden mit ihrem Lebenslauf. Sie hat geheiratet, bekam zwei Kinder und wollte sich doch nicht auf das Hausfrauen-Dasein reduzieren lassen.

"Ich habe bei Spielwaren Pieper gearbeitet und im früheren Hotel Lemloh", erzählt sie, die seit 1950 sportlich beim ATV unterwegs ist. 2001 ist ihr Mann gestorben, "das war der Tiefpunkt meines Lebens". Aufgegeben hat sie sich nicht. Noch heute ist sie rastlos, denkt niemals ans Aufgeben. Man müsse an sich arbeiten, findet sie. Und nun ein Neubeginn. "Ich freue mich, aber mit einer Träne im Knopfloch." Christel Thomas nimmt den Aufzug.

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