Hebammen in Haltern am Limit

"Wir müssen täglich Frauen ablehnen"

Haltern - Die freiberuflichen Hebammen in Haltern kommen an ihre Belastungsgrenzen. Immer mehr Schwangere aus Nachbarstädten suchen hier Hilfe rund um die Geburt. Doch das ist nicht der einzige Grund.

Eigentlich, sagen die Hebammen in Haltern, war die Situation in der Stadt gut. Aber seit einem halben Jahr meldeten sich immer mehr Frauen aus den umliegenden Nachbarstädten - Dorsten, Marl, Recklinghausen, Olfen, Datteln und Lüdinghausen. "Wir müssen täglich Frauen ablehnen", sagt die Halterner Hebamme Kirsten Hagedorn. "Wir sind alle am Limit." Der Grund: Es gibt zu wenig Hebammen. Auch die Kolleginnen aus den Nachbarorten haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. "Die Frauen schwappen nach Haltern rüber."

"60-Stunden-Wochen sind normal"

Zu hohe Berufshaftpflichtversicherungsprämien, Pauschaltarife, zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben - all das sind laut den Halterner Hebammen Gründe, warum der Berufsstand für den Hebammennachwuchs zunehmend unattraktiver wird. Gemeinsam mit vier Kolleginnen arbeitet Kirsten Hagedorn in der Hebammenpraxis. Sie alle sind im Krankenhaus angestellt und arbeiten nebenbei freiberuflich in der Praxis. "60-Stunden-Wochen sind bei uns nicht selten", sagt Claudia Müffler. Sie ist die leitende Hebamme im St.-Sixtus-Hospital und betreut neben ihrem Vollzeitjob bis zu drei Frauen freiberuflich.

Weil sie als freiberuflich Vollzeitarbeitende rund um die Uhr arbeiten müssten, um das Ungleichgewicht zwischen Bezahlung und Aufwand auszugleichen, wählen viele Hebammen die Mini-Job-Variante, sagt Barbara Blomeier, 1. Vorsitzende im Landesverband der Hebammen NRW.

"Im Grunde arbeiten wir als Hebammen, die freiberuflich Geburtshilfe leisten, im Moment nur für die Versicherung", sagt Hebamme Gudula Stenner-Klischies. Denn Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, zahlen seit Juli 2017 7639 Euro im Jahr. Ab Juli 2020 soll die Prämie steigen - auf 9098 Euro. Zum Vergleich: 1981 waren es umgerechnet 30,68 Euro. Egal, ob eine Hebamme eine oder 50 Geburten begleitet. Eine freiberufliche Hebamme ohne Geburtshilfe zahlt demgegenüber seit Juli 2015 680 Euro im Jahr. "So sind Hebammen mit Geburtshilfe gezwungen, über Masse zu arbeiten", sagt Hebamme Manuela Grafe. Hausbesuche, die pauschal abgerechnet werden, würden von Hebammen so nicht selten auf zehn Minuten heruntergeschraubt. "Aber das wollen wir nicht", sagt Kirsten Hagedorn. Manuela Grafe weiß: "Manche Kolleginnen leben von Hartz IV."

Berufsrisiko: Schadensfall

Hinzu kommt, dass die Hebammen ein hohes Berufsrisiko tragen: Im Schadensfall, wenn Eltern Ansprüche gegenüber der Krankenkassen geltend machen, müssen die Hebammen beweisen, dass sie nicht der Verursacher einer Schädigung an einem Säugling sind. Sonst machen die Krankenkassen Regressanforderungen gegenüber den Hebammen geltend. "Die Sozialversicherungsträger wollen natürlich ihr Geld zurückbekommen", sagt Hebamme Gudula Stenner-Klischies. Das Bundesgesundheitsministerium fordert deshalb, dass Krankenkassen auf Regressansprüche verzichten.

Die Halternerin Monika Meurer (32) erwartet im April ihr erstes Kind - ein Mädchen. Für sie war es leicht, in Haltern eine Hebamme für die Vor- und Nachsorge zu finden: "Die Suche war total einfach. Ich habe mich in der siebten Woche letztes Jahr im August bei meiner Hebamme gemeldet". Doch sie weiß: "Man muss so früh wie möglich suchen. Wenn ich erst in der 10. Woche gesucht hätte, hätte ich wohl nichts mehr gefunden." Auch andere Mütter berichten auf unserer Facebook-Seite von positiven Erfahrungen. Kirsten Hagedorn rät trotzdem: "Am besten melden sich die Frauen bis zur 12. Schwangerschaftswoche bei uns." Absagen, sagt Hebamme Manuela Grafe, könne man dann immer noch. "Nach der 12. Woche ist es fast unmöglich, noch eine Hebamme zu finden." Bis September seien die Hebammen der Halterner Hebammenpraxis ausgebucht.

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