Vor 85 Jahren zum Kanzler ernannt

So geht Haltern mit Hitlers Ehrenbürgerschaft um

Haltern - Vor genau 85 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. In Haltern folgte ein dunkles Kapitel, das die Stadt noch heute beschäftigt. Lesen Sie hier, wo es den Hitler-Platz in der Stadt gab und wie die Verwaltung mit seiner Ehrenbürgerschaft umgeht.

Stolze 30.955 Tage sind eine lange Zeit. 85 Jahre, um genau zu sein. Doch auch die Zeit radiert die dunklen Momente in der Geschichte einer Stadt nicht einfach so aus. Auch nicht in Haltern. Geht man also 30.955 Tage zurück in der Vergangenheit Halterns, stoppt der Zeigefinger auf einem Moment des 19. April 1933. An diesem Tag hinterlässt der spätere nationalsozialistische Führer Adolf Hitler seinen Stempel in Haltern. Hitler wird zum sechsten Ehrenbürger der Stadt. Drei Monate zuvor, am 30. Januar, ernennt der damalige Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, den jungen Österreicher zum Reichskanzler. Die Zustimmung der Halterner ist groß. Recht freundlich danken Hindenburg und Hitler der Stadt schriftlich - mit "Deutschem Gruß".

Per Dringlichkeitsantrag wird Hitler zum Ehrenbürger ernannt

In der Seestadt folgen auf den Aufschwung der NSDAP tief greifende Veränderungen. Gegen den Polizeihauptwachmeister Anton Thiemann wird ein Disziplinarvefahren verhängt, wegen angeblicher Unterstützung der Kommunisten und der SPD. Im März entscheidet die NSDAP die Kommunalwahlen mit acht von 20 Mandaten für sich. Deutschlandweit werden alle kommunistischen Mandate verboten.

Der damalige Halterner Bürgermeister Dr. Altemühle wird beurlaubt. Das Sagen übernimmt der Ortsgruppenleiter und NSDAP-Mann Schröder. Die Gleichschaltung beginnt. Per Dringlichkeitsantrag wird Hitler zum Ehrenbürger ernannt. Der heutige Kardinal-Graf-von-Galen-Park wird vom Römerplatz umgetauft in Hitler-Platz. Am Ende stimmen alle Fraktionen zu. "Abstoßend und kriecherisch", nannte Bodo Klimpel das im Jahr 2008. Damals wurde der einzige Überlebende der aus Haltern Deportierten, Alexander Lebenstein, zum Ehrenbürger ernannt. Vier Jahre später stirbt Lebenstein. Und mit dem Tod erlischt die Ehrenbürgerschaft.

Protest im Jahr 2012

Für das Halterner Bündnis gegen Gewalt und Rechtsextremismus war das 2012 ein Grund, das Thema noch einmal auf die Agenda zu heben. Erloschen ja, vergessen nein. Ein Holocaust-Opfer auf der gleichen Stufe mit einem Massenmörder? 2012 forderte die Gruppe den Rat der Stadt auf, sich geschlossen von der Ehrenbürgerschaft Hitlers zu distanzieren. Ein Schritt, den viele Städte vor Haltern bereits gegangen seien, schreibt der Autor Boris Spernol 2005 in seinem Buch "Haltern und der Nationalsozialismus". Nach Kriegsende wird der Adolf-Hitler-Platz Mitte 1945 zum Platz der Freiheit. 1980 distanziert sich der damalige Bürgermeister Hermann Wessel von der Ehrenbürgerschaft Hitlers. Eine "Aufhebung" gab es laut Boris Spernol aber nicht. Ebenso wenig wie unter Bürgermeister Josef Schmergal.

Halters Motiv: Vor der Geschichte nicht reinwaschen

Bürgermeister Bodo Klimpels Antwort an das Bündnis: "Heute muss man sagen, dass so ein Mensch keine Ehrenbürgerschaft verdient hat." Und so halte es die Stadt auch noch heute, sagt Sprecher Georg Bockey auf Nachfrage. 2012 war es dem Bündnis vor allem darum gegangen, dass Alexander Lebenstein trotz erloschener Ehrenbürgerschaft im Gedächtnis der Stadt verankert bleibt.

Die formale Aberkennung Hitlers Ehrenbürgerschaft habe für ihn aber keine Bedeutung, sagt Bürgermeister Klimpel. Das beschloss auch der Halterner Rat 2012 einstimmig. Denn: "Wir wollen und wir werden uns immer wieder diesem so dunklen Kapitel der deutschen und auch Halterner Geschichte stellen." Auch deshalb, weil sich die Stadt mit der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft in keiner Weise von diesem Thema "befreien" oder "reinwaschen" könne - oder wolle. "Wir stehen dazu, die NS-Zeit komplett aufzuarbeiten. Das sind wir den Opfern schuldig."

Fakten rund um Adolf Hitlers Ehrenbürgerschaft

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