Nach Flucht aus Eritrea

Junge Familie findet in Haltern ihr neues Zuhause

HALTERN - Für eine Familie aus Eritrea endete die dramatische Flucht nach Deutschland glücklich. "Wir wollen nie wieder hier weg", sagen Yorsalem Okbazgi und ihr Ehemann Mulugeta Ande. Im Gespräch schildert das junge Paar, wie es in Haltern ein neues Zuhause finden konnte.

Ein Weihnachtsbaum wird auch in diesem Jahr bei Yorsalem Okbazgi und Mulugeta Ande im Wohnzimmer stehen. Eine echte Nordmanntanne. Letztes Jahr war der Christbaum aus Plastik. Wie zu Hause in Eritrea. Echte Bäume sind dort viel zu teuer. Obwohl - das Zuhause des jungen Ehepaars ist das Land im Nordosten von Afrika gar nicht mehr. Nach ihrer dramatischen Flucht vom Roten Meer vor gut eineinhalb Jahren sind Yorsalem (23) und Mulugeta (29) in Haltern gestrandet. Dann kam vor fünf Monaten Sohn Mieron zur Welt. Die kleine Familie ist glücklich in der Seestadt. "Das ist unser Zuhause", sagt die junge Yorsalem. Alle helfen, alle sind freundlich - das junge Paar meint es ernst. Denn während die beiden Flüchtlinge mit Hilfe einer Dolmetscherin erzählen, steht die Freude ihnen ins Gesicht geschrieben.

Mit der Halternerin Barbara Schild haben sie eine Patin gefunden, die ihnen bei Behördengängen und alltäglichen Problemen hilft. "Sie ist meine Mutter", sagt Yorsalem und fasst sich ans Herz. Ein silbernes Kreuz an ihrer Brust blitzt auf. Yorsalem, Mulugeta und Mieron sind Christen. Aus Tradition. In Eritrea besteht die Bevölkerung je etwa zur Hälfte aus Christen und Muslimen. Ihre leibliche Mutter musste Yorsalem dort zurücklassen. Auch Mulugetas Eltern leben noch in dem kleinen Dorf im Norden Eritreas.

Zwang zum Militärdienst

"Das Leben dort ist schrecklich", sagen die beiden Flüchtlinge. Keine Möglichkeiten der Bildung, keine Ausbildung, kein Jobangebot. Aus keinem Land Afrikas fliehen so viele Menschen wie aus Eritrea. Denn Diktator Isayas Afewerki, seit fast 25 Jahren an der Macht, regiert mit eiserner Hand, mit willkürlichen Verhaftungen, Folterungen, Straflagern. Es gibt keine freie Presse, keine Verfassung, keine Justiz. "Afrikanisches Nordkorea" - so wird Eritrea auch genannt. Männer und Frauen müssen Militärdienst leisten, oft lebenslang und unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wer sich wehrt, wird eingeschüchtert oder gar getötet. "In Eritrea kann man nicht leben", sagt Mulugeta. Mit 22 Jahren floh er zunächst nach Israel, um für die damals 16 Jahre alte Yorsalem und sich das Schleppergeld zu verdienen - 8000 Dollar pro Person. Fünf Jahre lang jobbte er als Servicekraft in einem Hotel.

Kaffee wird zelebriertWeil ihm in Eritrea Gefängnis drohte, verabredete er sich mit Yorsalem zur Flucht in den Sudan. Von dort aus ging es nach Libyen, dann im Boot nach Italien und weiter über Frankreich nach Deutschland. "Ich wollte unbedingt hierher", sagt Mulugeta. Er verbindet große Hoffnungen mit Deutschland. Hoffnung auf Ausbildung. Hoffnung auf einen Beruf. Vielleicht in einem Hotel.

Zurzeit absolviert er den Integrationskurs, Yorsalem pausiert wegen der Elternzeit. Spätestens ab August 2018 will sie aber wieder lernen. Bis dahin hofft die junge Mutter auf einen Kindergartenpatz für Mieron.

Yorsalem sitzt an einem niedrigen Tisch und kocht Kaffee. Nein, sie zelebriert ihn. In einem Pfännchen werden Kaffeebohnen geröstet, bis sie schwarz sind. Dann werden die Bohnen gemahlen und löffelweise in ein Tongefäß gegeben, in dem Wasser kocht. Dann wird gefiltert - mehrmals. Zum Kaffee gibt es frisches Popcorn und Obst. Auf dem Tisch brennt Mierons Taufkerze - direkt neben dem Adventsgesteck. Die jungen Eritreer glauben fest an Jesus Christus und die heilige Maria. Kirchgänge sind selbstverständlich. Auch an diesem Samstag. Dann besuchen Yorsalem und Mulugeta wieder ihre orthodoxe Gemeinde in Düsseldorf zum Weihnachtsgottesdienst. Am Heiligen Abend dann feiern sie zu Hause in Haltern Weihnachten, aber eben nur an diesem einen Tag.

Ansonsten aber überwiegen die Gemeinsamkeiten. So wie der Christbaum und die kleine Krippe, die auf der Fensterbank steht. Oder das Festmahl. Oder eben auch die Geschenke. Doch darüber wollen Yorsalem und Mulugeta verständlicherweise nicht näher sprechen.

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